Der Beitrag der Landesgruppe Niedersachsen/Bremen der DASL beleuchtet schwerpunktmäßig die Situation der Menschen in ländlich geprägten Räumen und zeigt in drei Thesen auf, wie eine weiterentwickelte Kultur der Mobilität zu einer neuen Qualität des sozialen Zusammenhalts und des Dableibens führen kann.
These 1: Der Nahbereich als Schlüssel einer neuen Alltagskultur (Ulrich Kin-der)
Der Nahbereich ist das Stadtquartier und das Dorf
Zur Deckung der alltäglichen Aktivitäten rückt der Nahbereich mit seinen Infrastrukturen verstärkt in den Fokus. Mit dem Konzept der 15-Minuten-Stadt, das darauf zielt, innerhalb einer Viertelstunde zu Fuß oder per Rad alle alltagsrelevanten Wege zurückzulegen und alle erforderlichen bzw. gewünschten Erledigungen und Aktivitäten machen zu können (Moreno 2016, 2024; Schwarze u.a. 2025), liegt ein klar greifbares, umsetzbares und kommunizierbares Konzept vor. Es reduziert den Wegeaufwand der notwendigen Alltags-wege und ermöglicht die Befriedigung der Mobilitätsbedürfnisse ohne Nutzung des Kfz.
In mittleren und größeren Städten ist für die 15-Minuten-Stadt, das Stadtquartier um die Wohnung, der Bezugspunkt. Innerhalb diesem sind ein Großteil der Alltagsaktivitäten (Schule/KiTa, Einkaufen, Apotheke/Arzt, Spielen/Naherholung, Altenwohnen, soziale Treffpunkte) umsetzbar. Mit der Zunahme des Homeoffice umfasst die 15-Minuten-Stadt auch einen Teil des Arbeitslebens.
Außerhalb der Städte ist das Dorf/die Kleinstadt das Quartier. Auch hier ist ein Großteil der Alltagsaktivitäten innerhalb von 15 Minuten umsetzbar. Allerdings gilt dieses in den Dörfern immer weniger. Post und Bank sind schon lange weg, ebenso Fleischer und Gemüsehänd-ler. Grundschulen existieren nur in größeren Dörfern – genauso wie Lebensmittelmärkte, Bäckereien und Arztpraxen.
Die Voraussetzungen für eine 15-Minuten-Stadt, nämlich Dichte, Nähe, Diversität und Digi-talisierung, sind in ländlichen Räumen nicht oder nur rudimentär vorhanden. Dabei ist zu bedenken, ob die Zeit in ländlich geprägten Räumen überhaupt der richtige Qualitätsmaß-stab ist. Schließlich zeichnen sich ländlich geprägte Räume im Gegensatz zur Stadt gera-de durch Entschleunigung, Naturbezogenheit und eine gewisse Langsamkeit aus. Auf dem Lande muss das Konzept der 15-Minuten-Stadt also differenziert werden.
30-Minuten-Land als Pendant zur 15-Minuten-Stadt (und -Region)
Das 30-Minuten-Land muss zu einem Leitbild für eine verbesserte Grundversorgung in ländlich geprägten Orten ausgeweitet werden. Auch die Stadtregio-nen/Agglomerationsräume sollten als 15 min. - Region mit in den Fokus genommen wer-den. Erforderlich ist dafür auch eine konsequente Steuerung der Siedlungsentwicklung nach dem Zentrale Orte Prinzip durch die Gemeinden und vor allem die Regionalplanungs-träger. Übrigens auch aus Gründen des verminderten Flächenverbrauchs und des verrin-gerten Finanzaufwandes für Erschließung und Ver- und Entsorgung sowie einer verbesser-ten Auslastung vorhandener Sozial- und Kultureinrichtungen. So könnten die Vorausset-zungen für eine Kultur des Dableibens in Stadt, Dorf und Region verstärkt etabliert werden.
Fazit:
Eine Kultur des Dableibens setzt eine Grundausstattung an sozialer und techni-scher Infrastruktur in Region, Stadt und Dorf voraus. Das 30-Minuten-Land als Pen-dant zur 15-Minuten-Stadt (und -Region) ist die planerische Herausforderung für eine Kultur des Dableibens.
These 2: Die Digitalisierung verändert das Raum-Zeit-Verhältnis (Axel König)
Die Digitalisierung kann Mobilität reduzieren – aber nicht ersetzen
Die Digitalisierung der Arbeitswelt und im Privatleben kann im ländlichen Raum einen Bei-trag leisten, die Abhängigkeit vom Pkw zu verringern und Mobilität nachhaltiger zu gestal-ten. Voraussetzung ist jedoch, dass digitale Angebote flächendeckend verfügbar, einfach und schwellenarm für alle Altersgruppen nutzbar und auf die Bedürfnisse der Bevölkerung zugeschnitten sind.
Digitale Angebote werden insgesamt als Chance betrachtet, die Pkw-Mobilität zu verrin-gern. Sie können jedoch die grundlegende Notwendigkeit, Zugang zu umweltfreundliche-ren Verkehrsmitteln sowie die materielle und unmittelbare Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, an Kultur- und Bildungsangeboten und an der Versorgung zu gewährleisten, nicht ersetzen.
Digitalisierung der Arbeitswelt
Die fortschreitende Digitalisierung der Arbeitswelt eröffnet insbesondere in ländlichen Re-gionen neue Chancen, die Mobilität nachhaltig zu reduzieren. Ein zentrales Element ist dabei die Möglichkeit des Homeoffice und mobilen Arbeitens. Gerade im ländlichen Raum, wo Arbeitswege häufig lang und der öffentliche Nahverkehr oft nur eingeschränkt verfüg-bar ist, führt die Verlagerung von Arbeit ins eigene Zuhause zu einer spürbaren Verringe-rung des Individualverkehrs.
Ein weiterer Vorteil der digitalen Arbeitswelt ist die Stärkung regionaler Arbeitsmöglichkei-ten. Dank digitaler Arbeitsplätze können Menschen auch für Unternehmen außerhalb ihrer Region tätig sein, ohne umziehen oder regelmäßig pendeln zu müssen. Dies erhöht die Attraktivität ländlicher Wohnorte und kann Abwanderungstendenzen entgegenwirken.
Digitalisierung spart Mobilität
Aktuelle Studien und Erhebungen zeigen, die Auswirkungen von Homeoffice und mobilem Arbeiten auf die Mobilität – auch in ländlich geprägten Räumen. Die meisten umfassenden Analysen stammen aus den Jahren 2021 bis 2023, da die Corona-Pandemie einen starken Impuls für Homeoffice und damit verbundene Mobilitätsveränderungen gegeben hat. In wieweit sich bei Unternehmen die Angebote für Homeoffice konsolidieren, ausweiten oder zukünftig wieder einschränken, erscheint allerdings derzeit nicht gesichert einschätzbar.
Die bundesweite Erhebung zur Mobilität in Deutschland (MiD 2023) bestätigt in ihren Aus-wertungen, dass der Anteil der Homeoffice-Tage weiterhin deutlich über dem Vor-Corona-Niveau liegt und die durchschnittliche Zahl der Pendelfahrten, insbesondere im ländlichen Raum, nachhaltig gesunken ist.
Andere Studien (ILS 20222) weisen darauf hin, dass Homeoffice auch potenziell zu einer Zunahme zusätzlicher Wege führen kann, wenn Wegeketten, die zuvor im Rahmen des Arbeitswegs erledigt wurden, nun als separate Fahrten am Wohnort anfallen. Dies betrifft insbesondere Fahrten für den täglichen Bedarf, wie Einkäufe, sowie Begleitwege, bei-spielsweise das Bringen und Abholen von Kindern zur Schule. Weiterhin würden tendenzi-ell mehr Freizeitfahrten unternommen werden, da der Wegfall des täglichen Pendelns ei-nen Zeitgewinn ermögliche. Darüber hinaus führt die Abnahme der sogenannten Distanz-empfindlichkeit dazu, dass größere Entfernungen für Freizeitaktivitäten attraktiver werden und entferntere Freizeitregionen vermehrt genutzt werden.
Auch das Umweltbundesamt (UBA 2023) sieht die Gefahr, dass die potenziellen verkehrs-reduzierenden Effekte von Homeoffice durch eine Zunahme des motorisierten Individual-verkehrs (MIV) außerhalb beruflicher Fahrten schnell kompensiert oder sogar übertroffen werden können. Dies resultiert unter anderem aus selteneren, jedoch längeren Pendelstre-cken zwischen Wohnort und Arbeitsplatz sowie aus zusätzlichen Einzelfahrten, beispiels-weise zu Einkaufszentren, die zuvor häufig auf dem Heimweg von der Arbeit erledigt wur-den. Für eine nachhaltige Reduktion des MIV und damit für den Klimaschutz seien daher verbesserte und adäquate Mobilitätsangebote essenziell.
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass Homeoffice und mobiles Arbeiten einen messbaren Beitrag zur Reduzierung der Mobilität im ländlichen Raum leisten können. Die Studien belegen, dass die Effekte dort besonders stark sind, wo die Arbeitswege lang und die Alternativen zum eigenen Auto begrenzt sind. Voraussetzung für eine nachhaltige Wir-kung bleibt jedoch eine leistungsfähige digitale Infrastruktur (Breitbandanbindung) und die Bereitschaft von Unternehmen, flexible Arbeitsmodelle dauerhaft zu ermöglichen. Die o.g. kritischen Studien weisen darauf hin, dass Homeoffice nicht die grundlegende Lösung für eine umweltgerechte Mobilität im ländlichen Raum ist, sondern eingebunden werden muss in einen ganzheitlichen Ansatz für umweltgerechte Mobilität.
Fazit:
Die Digitalisierung ist eine Chance für die Arbeitswelt und kann Arbeiten und Woh-nen wieder zusammenführen. Sie kann Arbeitswege reduzieren. Digitalisierung kann aber auch zur Vereinsamung beitragen, daher sind die Gemeinschaftsanlagen in den Dörfern sehr wichtig und tragen zum Zusammenhalt bei.
These 3: Die Gleichwertigkeit der Lebensbedingungen braucht Zugang zu Mobilität – gerade in ländlich geprägten Räumen (Wolfgang Haller)
Die Gleichwertigkeit der Lebensbedingungen als ein zentrales politisches Ziel der Raum-ordnung in Deutschland setzt einen angemessenen Zugang zu Mobilität für alle voraus. Adressiert werden insbesondere der ÖPNV und der Radverkehr. Dadurch entsteht ein Beitrag zur Chancengleichheit und insgesamt eine bessere Akzeptanz der von der öffentli-chen Hand finanzierten Maßnahmen im Mobilitätsbereich in städtisch geprägten Räumen.
Folgende Forderungen leiten sich daraus für ländlich geprägte Räume ab:
- Angemessene und (gesetzlich?) verbindliche Bedienungsstandards im ÖPNV als Teil der Daseinsvorsorge im Sinne einer Mobilitätsgarantie
- Verlässliche Rahmenbedingungen durch kontinuierliche und langfristig abge-sicherte Finanzierung des ÖPNV im ländlichen Raum
- Ausbau nachfrageorientierter Bedienungsformen (On-Demand-Verkehre), die in das Tarifsystem integriert sind (z.B. sprinti, Region Hannover, mit Integra-tion ins Deutschlandticket)
- Ausbau und kontinuierliche Förderung der ehrenamtlich betriebenen Bürger-busse (z.B. Bürgerbus Westerstede)
- Auf- und Ausbau autonom fahrender Busse (z.B. Autonomer Bus Geestland)
- Ausbau von Radschnellverbindungen im ländlichen Raum (z.B. sternförmig zu den Grundzentren, aber auch zwischen den Ortsteilen)
- Fahrradstraßen außerorts nach niederländischem Vorbild auch im ländlichen Raum (z.B. auf gering mit Kfz belastete Außerortsstraßen mit Tempo 30 (?) und spezieller Markierung)
- Ausbau multimodalen Hubs zur Stärkung der Multimodalität (z.B. Radabstell-anlagen an zentralen ÖPNV-Haltestellen mit Verleihsystem für Lastenfahrrä-der)
- Ausbau des Car-Sharing und vergleichbarer Angebote (z.B Gemeinschaftsau-tos)
- Aufbau von Mitfahrbörsen, Pendlerportale, Mitfahrbänken, da diese Angebote neben den Mobilitätsverbesserungen zum sozialen Zusammenhalt beitra-gen.
Die Kernbotschaft ist, dass nur durch ein Maßnahmenbündel die Verbesserung der Mobili-tät im ländlichen Raum erreichbar ist. Zentrale Grundlage ist der verbindliche Bedienungs-standard im ÖPNV, der eine verlässliche, langfristig finanzierte Grundversorgung sicher-stellt. Essentiell ist eine Förderung des Radverkehrs, die über den bisher üblichen Bau von Radwegen deutlich hinausgeht.
Fazit:
Die Zukunft ländlich geprägter Orte als attraktive Standorte für Wohnen und Arbei-ten erfordert eine deutliche Ausweitung der Mobilitätsangebote. Ergänzt durch Ei-geninitiative, die den sozialen Zusammenhalt fördert und neue, ggf. auch unkonven-tionelle Mobilitätsangebote bleibt das Dorf im Spiel.
Beispiele
Multifunktionshäuser und Dorfzentren, Vereinsarbeit und Orte zur Organisation des dörflichen Lebens – Beispiele aus Niedersachsen (Andrea Döring)
… das Beispiel Otersen
Das Dorf Otersen hat 500 Einwohner*innen, liegt im Landkreis Verden an der Aller und umfasst eine Fläche von 15 km².
Baulich ist das Dorf am Fluss durch verschiedene locker stehende Hofanlagen geprägt und besitzt einen umfangreichen Baumbestand.
Seit 1998 beschäftigt sich das Dorf mit Dorferneuerung und Dorfentwicklungsplanung. Otersen hat mit der Umsetzung der Planungen zahlreiche Preise gewonnen, wie zum Bei-spiel den Bundessieger „Unser Dorf hat Zukunft“ in Gold.
Auf der Internetseite des Dorfes Otersen erhält man einen Eindruck von den zahlreichen Aktivitäten der Dorfgemeinschaft. Die Dorf- und Vereinsgemeinschaft, Otersen e.V. ver-eint alle Vereine im Dorf unter dem Motto „Gemeinsam in Otersen.“ Dieser Verein ist als Dachverband gegründet und organisiert Feste und Informationsveranstaltungen auch mit den benachbarten Dörfern zusammen.
Wesentliche Vereine in Otersen ist der Schützenverein, der Heimat- und Fährverein, Stol-perstein e.V. und der TSV grün-weiß als großer Sportverein.
Nachdem der letzte Dorfladen 2001 schließen musste, öffnete die Dorfgemeinschaft mit einem beträchtlichen Eigenkapital ein gemeinschaftlich betriebenen Dorfladen in einem alten Ladengeschäft. Das Angebot ist, nachdem auch der letzte Gasthaus geschlossen hatte, um ein Café erweitert worden.
2023 hatte der Dorfladen hinsichtlich der Nachfolge starke Probleme. Es konnten dann junge Leute gefunden werden, die sich für den Erhalt des Dorfladens in der Dorfgemein-schaft einsetzen, so dass die Zukunft heute wieder gesichert ist.
Ein kurzes Telefonat mit dem Ortsvorsteher, Dieter Bergstedt macht deutlich, wie groß die Anstrengungen im Dorf sind, um die Wohn-, Freizeit –und Arbeitsqualität zu erhalten.
Eine These des Ortsvorsteher war: „Wir haben mehr Vereinsmitglieder als Einwohner und Einwohnerinnen. Dadurch gelingt es alle Bewohner und Bewohnerinnen einzubinden und alle mitzunehmen. Die verschiedenen Themen wie Dorfgeschichte, Sportangebote, Nah-versorgung, Gastronomie und Fähranleger vereint die Dorfgemeinschaft. Dadurch können die Menschen in Ihrem Zuhause alt werden.“
…. am Beispiel Wiefelstede, Ortsteils Gristede
Die Gemeinde Wiefelstede hat ca. 16.000 Einwohnern und besteht aus 22 Ortsteilen und Dörfern auf einer Fläche von circa 106 km².Sie liegt im Landkreis Ammerland im Speck-gürtel der Großstadt Oldenburg und hat seit 2010 ein starkes Bevölkerungswachstum zu verzeichnen.
Text von der Internetseite (Juni 2026):
Umnutzung der leerstehenden Feuerwehrgerätehalle sowie Modernisierung des vorhande-nen Mehrzweckgebäudes
Einrichtung für einzelne Bevölkerungsgruppen wie Kinder, Jugendliche, Senioren, Frauen und Männer auch unter Umnutzung ungenutzter Bausubstanz.
Insgesamt sollen mit dem Projekt die Interessen aller Altersklassen der dörflichen Gemein-schaft miteinander verknüpft werden, um das tägliche Miteinander im Rahmen verschie-dener sportlicher, sozialer und kultureller Aktivitäten und Veranstaltungen zu optimieren.
Weiter werden folgende Ziele verfolgt:
- Kurze Wege zu den Veranstaltungen und Angeboten im Rahmen der Inklusion
- Nutzung durch alle Vereine und Institutionen zur Förderung des Zusammenhalts sowie zur Integration neu zugezogener Dorfbewohner
- Ausbau des Gesundheitssports. Gesundheitssport ist ein Überbegriff für Rehabilita-tionssport und Herzsport, aber auch für präventive Sportprogramme wie beispiels-weise Wirbelsäulengymnastik. Aus heutiger Sicht ist dieser Aspekt für viele Men-schen ein wichtiges und nachhaltiges Thema.
- Ausbau von Yoga und Pilates
- Ausbau der Zusammenarbeit mit der KVHS und den Krankenkassen
Adresse : Fehrenkampstraße 2, 26215 Wiefelstede OT Gristede
Bauzeit vom August 2021 bis Juni 2022
…. am Beispiel Bad Essen, Zertifizierung Cittaslow
Bad Essen hat 16.300 Einwohner und Einwohnerinnen auf einer Fläche von 103 km². Es gehört als Kurstadt zum Landkreis Osnabrück. Die Gemeinde liegt in einer sehr unter-schiedlichen und abwechslungsreichen Landschaft will sich neben dem Kurbetrieb auch als attraktiven Wohn und Gewerbestandort etablieren.
Die Cittaslow-Bewegung kommt aus Italien und ist ein internationaler Ansatz. Es geht da-rum, den vorhandenen Wert eines Ortes zu erkennen, zu pflegen und weit wie möglich auszubauen. Damit soll die Eigenheit eines Ortes stärker herausgearbeitet und etabliert werden.
Bad Essen wurde 2015 mit dem Zukunftspreis ausgezeichnet und ist die 14. Cittaslow-Stadt in Deutschland.
Folgende Aspekte werden bei den Cittaslowstädten bearbeitet: Kultur und Tradition, Gast-freundschaft, regional typische Produkte, typische Kulturlandschaft, charakteristische Struktur, nachhaltige Umweltpolitik und regionale Märkte.
Diese Fragen sind den Menschen in Bad Essen wichtig: Was macht mein Leben reich? Wann geht es mir gut? Was brauche ich wirklich? Es tut mir gut? Was kann ich für meinen Nächsten tun?
Das Motto in Bad Essen für die Stadt ist: Tief durchatmen im Sole-Kurort. Der Mensch steht damit im Mittelpunkt der Betrachtung in Bad Essen.
Ist diese Betrachtung, die Fragestellung für die Stadt tatsächlich eine Betrachtung für Nachhaltigkeit, die Versorgung, das Zusammenleben und auch Mobilitätsaspekte beinhal-tet oder ist es lediglich ein Label, um sich aus den schwierigen Zeiten der Umstrukturierung des Kurbetriebes ein besonderes Bild zu geben, um sich von anderen Bädern abzuheben?
Die Kurstadt nimmt auf jeden Fall Gesundheit in den Vordergrund ihrer Betrachtungen. Gerade das zu Fuß gehen, wandern und das Radfahren stehen im Mittelpunkt, um die Gesundheit zu erhalten. Neben dem Cittaslow-Label hat auch Bad Essen die Auszeich-nung nachhaltige Kommune 25/26 erhalten.
2022/2023 wurde ein Mobilität Konzept bearbeitet. Für alle umweltfreundlichen Mobilitäts-arten sind umfangreiche Maßnahmenbündel erarbeitet worden. Bemerkenswert ist dabei die Anbindung an das überregionale Eisenbahnnetz mit einer Reaktivierung der Willager Kreisbahn. Es werden dafür autonom fahrende Monocabs für die Eisenbahn vorgeschla-gen. Schwerpunkt ist zur Zeit die Verkehrsberuhigung in der Stadtmitte.
…. am Beispiel Nordhorn
40 % Radverkehr, Stadtbus, Reaktivierung einer Bahnstrecke, Bau von Dorfgemein-schaftshäusern
Digitalisierung des privaten Lebensumfeldes - Praxisbeispiel: das Projekt „Digitale Dörfer“
Das Projekt „Digitale Dörfer“ des Fraunhofer-Instituts für Experimentelles Software Engi-neering (IESE) gilt als Leuchtturminitiative im Geschäftsfeld Smart City und Smart Region. Ziel des Projekts ist es, die Lebensqualität im ländlichen Raum durch innovative digitale Lösungen nachhaltig zu verbessern. Im Mittelpunkt stehen dabei die Entwicklung und Er-probung praxisnaher Dienste, die gemeinsam mit den Menschen vor Ort gestaltet werden sollen. Dieser sogenannte „Living Lab“-Ansatz soll sicherstellen, dass die entwickelten An-wendungen den tatsächlichen Bedürfnissen der ländlichen Bevölkerung entsprechen.
Kern des Projekts ist eine modulare digitale Plattform, die verschiedene Dienste flexibel miteinander verbindet. Zu den wichtigsten Anwendungen zählen der „DorfFunk“ – eine Kommunikations-App für Bürgerinnen und Bürger, Vereine und Verwaltung –, die lokale Nachrichtenplattform „DorfNews“ sowie der „DorfShop“, der als Online-Bestellplattform für regionale Produkte und Dienstleistungen dient. Ergänzt werden diese Angebote durch digi-tale Bürgerdienste, die Verwaltungswege verkürzen, und durch die Organisation von Lie-fer- und Bringdiensten, etwa für Lebensmittel oder Medikamente.
Die Lösungen werden zunächst in ausgewählten Modellregionen erprobt und stehen an-schließend auch anderen Kommunen zur Nachnutzung zur Verfügung. Zu den Pilotregio-nen zählen mehrere Verbandsgemeinden in Rheinland-Pfalz, darunter Betzdorf-Gebhardshain, Eisenberg, Göllheim und Waldfischbach-Burgalben. Hier wurden unter an-derem der DorfFunk und DorfNews eingeführt sowie lokale Lieferdienste wie „BringLie-sel“ etabliert. In Niedersachsen beteiligen sich seit 2019 die Samtgemeinden Elbtalaue, Hage und Tostedt am Projekt. Sie setzen insbesondere auf digitale Kommunikationsplatt-formen, Nachbarschaftshilfe und die Erprobung digitaler Verwaltungsangebote. Auch in Bayern, etwa im Landkreis Wunsiedel im Fichtelgebirge und im Landkreis Haßberge, wer-den die digitalen Dienste ausgebaut und um Angebote zur Bürgerbeteiligung ergänzt.
Das Projekt „Digitale Dörfer“ ist ein Versuch, durch digitale Innovationen dazu beizutragen, zentrale Herausforderungen des ländlichen Raums zu adressieren. Sie können mittelbar auch die für die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, die Grundversorgung oder die Nut-zung von Dienstleistungen notwendige Individualmobilität in gewissem Maße ersetzen.
Soll auf dem Dorf eine Mindestqualität an Alltagsinfrastrukturen weiterhin vorhanden sein, wird es nur mit dem Engagement der dort lebenden Menschen gehen. Dorfgemein-schaftshäuser und Dorfläden (Region Hannover 2018) funktionieren häufig nur durch die aktive Mitwirkung und Mitgestaltung der DorfbewohnerInnen – ebenso wie die Gestaltung von Treffpunkten, Spielplätzen, Grillstationen o.ä. unter freiem Himmel. Auch der ÖPNV ist ohne Bürgerbus-Engagement vielerorts nicht denkbar. Durch Ankauf/Anmietung leer-stehender Gebäude kann die Gemeinde allerdings Räumlichkeiten zum Gemeinschafts-gebrauch zur Verfügung stellen. Der Aufgabenträger ÖPNV kann Fahrzeuge und Infra-struktur einsetzen. Auch mit Gemeinschaftspraxen/Telemedizin, 24 h – Dorfläden, guter Internetanbindung etc. lassen sich Verbesserungen erreichen.
Quellen
Moreno, C., 2016: La ville du quart d’heure: Pour un nouveau chrono-urbanisme, La Tribu-ne, 05. Okt. 2016. Zugriff: https://www.latribune.fr/regions/smart-cities/la-tribune-de-carlos-moreno/la-ville-duquart-d-heure pour-un-nouveauchrono-urbanisme-604358.html
Moreno, C., 2024: The 15-Minute City: A Solution for Saving Our Time & Our Planet. Ho-boken.
Region Hannover, 2018: Dorfläden in der Region Hannover. Beiträge zur regionalen Ent-wicklung Nr. 151; Hannover
Schwarze, B.; Spiekermann, K.; Bauer, U.; Lohaus, J.; Scheiner, J., 2025: Die Stadt der Viertelstunde. Herausgeber: BBSR – Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung. BBSR-Online-Publikation 27/2025, Bonn. https://doi.org/10.58007/8m7z-qr40
Siedentop u.a.: Von der „15-Minuten-Stadt“ zum „30-Minuten-Land“. ILS- Impulse: Dort-mund 03/2023
Wissenschaftlicher Beirat beim Bundesminister für Digitales und Verkehr: Mobilitätswende in Stadt und Land. Klimaschutz und räumliche Gerechtigkeit als Transformationsziele des Verkehrs. Berlin 2023
MiD 2023, Ergebnisbericht, S. 2011 ff, Mobilität in Deutschland – MiD 2023 | Ergebnisbe-richt).
ILS 2022, Nachhaltige Mobilitätswende (NaMoW) Mobiles Arbeiten und berufsbedingte Mobilität – Kurzstudie, Dortmund 2022, namowe-kurzstudie-mobiles-arbeiten-und-berufsbedingte-mobilitat-ils.pdf)
UBA 2023, Mobile Arbeit in der Zukunft - Klimaschutzbezogene Chancen und Risiken, November 2023, S.32, Mobile Arbeit in der Zukunft. Klimaschutzbezogene Chancen und Risiken.).
BBSR 2026, Appel, A.; Büsching, A; Hartwig, M.; Helmann, J.; Hertel, J.; Lehnshack, M.; Schlossmacher, M; Sikora, A. 2025: Mobilität in ländlichen Räumen. Eine vergleichende Analyse von Ansätzen in Europa. Herausgeber: Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung; BBSR-Online-Publikation 05/2026. https://doi.org/10.58007/2wxq-m861
gez. August 2026
Wolfgang Haller
Ulrich Kinder
Axel König
Andrea Döring