„Wie soll hier die Zukunft aussehen?" Die Frage klingt zunächst einfach, aber sobald in der Planung über Zukünfte gesprochen wird, treffen die unterschiedlichsten Vorstellungen aufeinander. Ein Blogbeitrag von Lisa Nieße über Storytelling, Lehre und neue Perspektiven auf die Mobilitätswende – am Beispiel eines Lehrprojekts an der Universität Kassel und der Stadt Lehrte.
Autorin: Lisa Nieße
14. September 2026
1 Planung als Aushandlung
„Wie soll hier die Zukunft aussehen?" Die Frage klingt zunächst einfach, aber sobald in der Planung über Zukünfte gesprochen wird, treffen die unterschiedlichsten Vorstellungen aufeinander. Die einen sprechen über Stellplätze, die anderen über sichere Schulwege, wieder andere über Aufenthaltsqualität, Klimaanpassung oder wirtschaftliche Interessen. Alle sprechen über „die Zukunft der Stadt" – meinen nur nicht unbedingt dasselbe.
Aus meinem Planungsalltag kenne ich diese Situationen gut. So begegneten mir bei der Frage nach zukünftiger Mobilität in der Stadt Lehrte in der Region Hannover Erwartungen in unterschiedlichsten Formen: Die fehlenden Stellplätze! Sichere Radwege! Und wie soll dann die Innenstadt künftig aussehen? Dahinter standen unterschiedliche Erfahrungen, Interessen und Vorstellungen davon, was eine gute Stadt ausmacht.
Alle Planer*innen wissen: Die Mobilitätswende ist nicht nur eine Frage von Verkehrsmitteln. Sie verändert Straßen, Plätze und Quartiere – und damit unseren Alltag. Und sie ist vor allem eine Frage der Aushandlung: Welche Stadt wollen wir? Und wie kommen unterschiedliche Menschen zu einer gemeinsamen Vorstellung davon? Dieser Frage wollte ich aus der Praxis kommend mit Studierenden nachgehen.
Den Rahmen bot dafür meine Gastprofessur für Stadtmanagement an der Universität Kassel. Zwei Jahre stellte ich dort die Akteur*innen der urbanen Transformation und damit Perspektiven, Interessen und Vorstellungen von Veränderung in den Mittelpunkt.
Im Sommersemester 2025 stellte den Ausgangspunkt die Stadt Lehrte. Die Arbeiten der Studierenden sollten sich an einer real-praktischen Aufgabenstellung messen. Die Stadt Lehrte als Fallbeispiel wurde zum konkreten Gegenüber der Lehre. Gemeinsam mit den Studierenden wollten wir uns einerseits mit Konzepten und Maßnahmen der Mobilitätswende beschäftigen und andererseits erforschen, wen eine solche Veränderung betrifft, bemüht, ärgert und beeinflusst. Wer gestaltet Veränderung mit? Wer wird gehört? Welche Erfahrungen und Interessen bringen die unterschiedlichen Akteur*innen mit? Und wie können daraus Vorstellungen von Zukünften entstehen, über die man gemeinsam sprechen kann?
Begleitet wurde das Projekt von Konrad Voges, Stadtplaner in der Stadtverwaltung der Landeshauptstadt Hannover. Gemeinsam entwickelten wir die Fragestellung für Lehrte und verbanden im Team Hochschule und Praxis. Die Studierenden sollten ihre theoretischen Erkenntnisse an einer realen Stadt und ihren konkreten Herausforderungen bewähren.
Zeitgleich bewegte uns eine zweite Frage: Wie beginnen Studierende, über alternative Zukünfte nachzudenken?
Diese Frage knüpft an eine Diskussion, die aktuell allgemein die Hochschullehre in der Auseinandersetzung mit der sozial-ökologischen Transformation beschäftigt: Wie lehren wir Entwerfen und Planen – und welche Formen des Denkens ermöglichen unsere Methoden eigentlich? Es stand grundsätzlich weniger die bestimmte Methode im Vordergrund, sondern der grundlegende Imperativ: Wenn wir andere Zukünfte gestalten wollen, müssen wir vielleicht neue Wege finden, uns diese Zukünfte zu erschließen.
Daraus entstand ein Experimentierfeld aus zwei miteinander verknüpften Lehrveranstaltungen. Wir wollten ausprobieren, was passiert, wenn Mobilität nicht nur über Ziele, Maßnahmen und Kennzahlen verhandelt wird, sondern über Geschichten, Bilder und Vorstellungen von Zukünften.
Dafür erweiterten wir den gewohnten Werkzeugkasten der Planung: Anstatt einen weiteren Plan zu zeichnen oder ein klassisches Mobilitätskonzept zu schreiben, waren die Studierenden aufgefordert zu erzählen – mit Medien, die in der Planung (noch) eher ungewohnt sind: Comic, Film und Game. Gleichzeitig betrachteten wir die Stadt in drei Maßstabsebenen: Gesamtstadt, Quartier und Straße. Jede dieser Ebenen wurde mit allen drei Medien bearbeitet. So entstand eine Art 3 × 3-Matrix: Drei räumliche Maßstäbe trafen auf drei Formen des Erzählens. Die zweite Veranstaltung nahm diese Fragen mit zu Storytelling als Handlungsansatz für die Mobilitätswende in Lehrte.
2 Vor Erzählen kommt Zuhören
Das Storytelling im Seminar begann mit dem Zuhören. Im Sommer 2025 führten die Studierenden 21 narrative Interviews mit unterschiedlichen Akteur*innen aus Lehrte. Zunächst fokussierte sich die eigene Erfahrung mit Mobilität: Wie bewegt man sich durch die Stadt? Was funktioniert? Was fehlt? Was müsste sich verändern? Die Gespräche waren bewusst offen angelegt. Die Studierenden sollten nicht nur Antworten auf unsere Fragen sammeln, sondern erfahren, welche Erfahrungen, Routinen und Zukunftsvorstellungen in den Erzählungen der Menschen sichtbar werden.
Es wurde schnell deutlich: Es gibt nicht die eine Geschichte über Lehrte. Die Stadt wird gleichzeitig als gut angebundene Eisenbahnstadt, als vielfältige Stadt und als Stadt mit viel Verkehr beschrieben. Selbst die Wahrnehmung der eigenen Mobilität geht auseinander. Was für die einen eine gute und schnelle Verbindung ist, erleben andere als Lücke oder Hindernis. Manche wünschen sich Veränderung, andere befürchten, dass ihnen etwas weggenommen wird.
In einem der Interviews fällt der Satz: „Die Barrieren sind im Kopf." Ich finde diesen Satz interessant, gerade weil die Interviews gleichzeitig von realen Barrieren erzählen: von nicht ausreichend funktionierenden Alternativen, fehlender Zuverlässigkeit, problematischen Verbindungen und einer Stadt, deren öffentlicher Raum vielerorts weiterhin stark vom Auto geprägt ist.
Da mit der Planung unterschiedliche Interessen und Perspektiven zusammengebracht werden sollen, begannen die Studierenden mit dem Verstehen der Geschichten, die hinter den Positionen liegen. Interessen begegneten ihnen selten als fertige, klar formulierte Forderungen. Sie sind mit Erfahrungen, Routinen, Ängsten, Wünschen und Bildern von Zukünften verbunden. Die Interviews machten das sichtbar: Die Aushandlung der Mobilitätswende begann mit unterschiedlichsten Ausgangspunkten. Ihre Umsetzung hängt daran, was Menschen für möglich, sicher, bequem oder selbstverständlich halten. Ein Weg kann räumlich vorhanden sein und trotzdem nicht als gute Möglichkeit wahrgenommen werden. Und umgekehrt kann schon eine kleine Veränderung als Zumutung erlebt werden.
Hier tritt Storytelling in den Fokus des Interesses: Da Mobilität neben der Infrastruktur aus Wahrnehmungen, Gewohnheiten, Erwartungen und Bildern von Zukünften besteht, ist ein Plan in seiner Darstellungsform nicht ausreichend erzählend, ergreifend und umfassend zu verstehen. Welche Erzählformen können alternative Zukünfte also eher denkbar machen? Gleichzeitig offenbarte sich die Komplexität der Aufgabe: Wie übersetzt man unterschiedliche Geschichten in Vorstellungen von Raum? Und nicht zuletzt: Wie kann man diese Vorstellungen so darstellen, dass nicht an der Entwicklung beteiligte Akteur*innen darüber sprechen können?
3 The Medium is the Message?
Wir hatten also sehr unterschiedliche Geschichten gehört. Nun mussten die Studierenden daraus etwas machen, denn sie konnten nicht einfach alle Interviews vollständig wiedergeben. Sie mussten auswählen, übersetzen, zuspitzen und eine eigene Geschichte entwickeln. Sie mussten entscheiden:
- Was ist relevant?
- Welche Perspektive nehmen wir ein?
- Was lassen wir weg?
- Welche Zukünfte erzählen wir?
- Für wen erzählen wir sie?
- Und wie verändert das gewählte Medium diese Geschichte?
„The Medium is the Message" ist ein häufig zitierter Satz von Marshall McLuhan. Populär verstanden, klingt er zunächst nach einer Frage der Kommunikation: Welche Botschaft wird über welches Medium vermittelt? McLuhans Überlegungen umfassen jedoch sein umfassendes Interesse daran, was ein Medium selbst mit unserer Wahrnehmung und unserem Handeln macht. Ein Medium ist kein neutrales Gefäß für einen bereits feststehenden Inhalt, sondern verändert den Rahmen, in dem dieser Inhalt entsteht und wahrgenommen wird.
Für unsere Lehre wurde dieser Gedanke aufgegriffen. Die Frage halt einerseits dem, was wir erzählen. Andererseits aber auch dem wie wir erzählen. Und wenn das Medium nicht neutral ist, dann kann es auch für die Analyse nicht neutral sein.
Ein Comic, ein Film oder ein Game stellen nicht einfach denselben planerischen Inhalt auf unterschiedliche Weise dar, sondern fordern neue Betrachtungswinkel. Es veränderte sich gleichzeitig die Forschungsaufgabe, denn im Film etwa musste eine Figur eine Mobilitätswelt erleben. Im Game musste Mobilität zu einer Regel werden: Was darf ich tun? Was hindert mich? Was passiert, wenn ich eine bestimmte Entscheidung treffe? Im Comic wiederum konnten Situationen, Perspektiven und Widersprüche nebeneinanderstehen und über mehrere Bilder hinweg erzählt werden.
Was passiert, wenn ich eine Mobilitätswende als Geschichte mit einer Figur erzählen muss? Was verändert sich, wenn ich sie über Zeit, Bewegung und Handlung in einem Film entwickeln muss? Und was, wenn Mobilität nicht beschrieben, sondern in einem Game zu einer Frage von Regeln, Möglichkeiten und Konsequenzen wird?
Das war unser Versuchsaufbau: Die Studierenden nutzten die Medien nicht erst am Ende, um ihre planerischen Überlegungen zu präsentieren.
4 Das Medium verändert die Geschichte
Ein erstes Beispiel dafür ist der Film. Die Studierenden entwickelten die Geschichte von Erik, einem extremen Sportler. Er trainiert, indem er durch Lehrte läuft und die Hindernisse der heutigen Stadt überwindet: Verkehrsinseln, schwer erreichbare Querungen und den Verkehr, der seine Wege kreuzt. Was aus planerischer Sicht ein Problem ist, wird für Erik zur sportlichen Herausforderung. Je schwieriger die Stadt zu durchqueren ist, desto größer seine Leistung.

(Studierende der Universität Kassel, 2025)
Dann springt die Geschichte in die Zukunft. Erik möchte seiner Freundin die Stadt und seinen besonderen Trainingsparcours zeigen. Doch inzwischen hat sich die Mobilität in Lehrte verändert: Die Hindernisse sind verschwunden, der Verkehr ist weniger dominant, die Wege sind einfacher geworden. Für Erik ist das eine Katastrophe. Seine Freundin ist wenig beeindruckt – und sein persönlicher Grund, ein Held zu sein, ist verschwunden.
Das ist zunächst einmal eine lustige Geschichte. Gleichzeitig steckt darin eine interessante Umkehrung: Was heute als Problem wahrgenommen wird, kann für jemanden Teil seiner Identität geworden sein. Und was planerisch als Verbesserung gilt, kann aus einer weiteren Perspektive einen Verlust bedeuten.
Gerade diese Perspektiv-Verschiebung wäre in einem klassischen Plan vermutlich kaum entstanden. Der Film verlangte eine Figur, eine Handlung und eine zeitliche Entwicklung. Die Mobilitätswende musste nicht erklärt, sondern erzählt und erlebt werden.
Beim Game war die Ausgangslage noch einmal anders. Sabine fährt mit ihrem Auto zum Stadtfest nach Lehrte. Dort berührt sie das Stadtsymbol – eine Ziegenstatue, die dadurch plötzlich lebendig wird und wegläuft. Die Arbeit in Lehrte hat mir gezeigt, dass solche Vorstellungen zunächst einmal erzählt, ausprobiert und verhandelt werden müssen. Sabine sucht die Hufspuren, um sie einzufangen. Die Spieler*innen bewegen Sabine mit den Pfeiltasten durch die Stadt und müssen vorerst den vielen Autos ausweichen. Wird Sabine angefahren, ist das Spiel vorbei.

(Arbeit der Studierenden im Projekt)
Hier wird die Mobilitätsfrage zur Spielregel. Anstatt zu erklären, wie eine autoorientierte Stadt Bewegungen beeinflusst, lässt das Game die Spieler*innen diese Situation selbst erfahren: Der Weg durch die Stadt wird zur Aufgabe, der Autoverkehr zum Hindernis.
Sobald Sabine alle Hufspuren gefunden hat, gelangt sie in ein „Lehrte der Zukunft". Es ist wieder Stadtfest, die Umgebung ist nur jetzt ruhig und grün. Sabine freut sich – und ihr Auto ist inzwischen unbrauchbar geworden. Das stört sie überraschend wenig: Sie kann schließlich zu Fuß nach Hause gehen.
Das dritte Beispiel sind die Comics, mit denen die Studierenden mehrere Geschichten entwickelten, die Lehrte aus unterschiedlichen Perspektiven und auf unterschiedlichen Maßstabsebenen betrachten. In „Lehrte 2085" etwa wird eine mögliche Zukunft als Dystopie erzählt: Die Straßen sind verstopft, die Luft ist schlecht, der öffentliche Raum wird von Autos dominiert und tägliche Staus gehören zum Alltag. Zwei junge Menschen reisen deshalb zurück ins Jahr 2025, um die Weichen für eine andere Zukunft zu stellen. Die Geschichte arbeitet bewusst mit Übertreibung, Humor und Hinweisen auf bekannte Erzählgenres. Sichtbar wird, dass heutige Entscheidungen zu einzelnen Straßen oder Verkehrsmitteln langfristig die Stadt prägen.

(Arbeit der Studierenden im Projekt)
Im Comic werden die Geschichten persönlicher. Lena wohnt in Lehrte und hat ihre Schule, die eigentlich nur zehn Minuten entfernt ist, bisher nicht allein zu Fuß erreicht – zu gefährlich, sagt ihre Mutter. Auf ihrem ersten selbstständigen Schulweg wird der vermeintlich kurze Weg zum Hindernislauf aus hohen Bordsteinen, Verkehr und unübersichtlichen Kreuzungen. In einer weiteren Geschichte blickt eine ältere Frau auf die Stadt und stellt sich eine andere Zukunft vor: sichere Wege, lebendige Straßen und mehr Platz für Menschen – damit ihre Enkelin Lena sich frei und sicher bewegen kann.
Interessant ist, wie der Comic Mobilität über Perspektiven erzählt. Die Stadt mit ihren Verkehrssystemen erscheint hier greifbar als Alltagserfahrung: als Schulweg, als Stau, als Barriere, als Zukunftsfrage. Gleichzeitig kann der Comic unterschiedliche Zeiten und Perspektiven nebeneinanderstellen.
Comic, Film und Game erzählen jeweils ihre eigene Geschichte in drei verschiedenen Formaten. Das jeweilige Medium verändert, worauf die Aufmerksamkeit gelenkt wird. Im Comic kann Mobilität über Personen, Situationen und Perspektiven erzählt werden. Im Film wird sie über Zeit, Bewegung und Veränderung erfahrbar. Im Game wird sie zur Regel, die Möglichkeiten eröffnet oder einschränkt.
Das Medium war entsprechend nicht die Verpackung des Entwurfs, sondern Teil der Analyse – und später wandelte sich diese „Spielerei" zum Teil einer Aushandlungskette. Wenn wir Studierende auffordern, ein ungewohntes Medium zu benutzen, fordern wir sie einerseits auf, einen Entwurf anders darzustellen, andererseits eröffnet sich darüber die Möglichkeit, eine neue Perspektive auf den eigenen Entwurf zu gewinnen. Zusammenfassend: es sollte erforscht werden, welches Medium sich am besten eignet, um die Planung zu vermitteln, sondern darum, auf welche Fragen wir durch ein Medium kommen, die wir sonst vielleicht gar nicht stellen würden.
5 Der Maßstab verändert die Geschichte
Bisher berichtete ich, wie uns unterschiedliche Medien unterschiedliche Fragen an Mobilität stellten. Gleichzeitig arbeiteten wir in drei Maßstabsebenen: Gesamtstadt, Quartier und Straße. Unterschiedliche Gruppen bearbeiteten die drei Ebenen parallel. Auf jeder Maßstabsebene arbeiteten Studierende aus den drei „Medien-Formaten". So entstanden drei große Plakate, jeweils drei mal drei Meter groß.
(eigenes Foto)
Die Maßstabsebenen stellten jeweils eigene Fragen. Die Ebene der Gesamtstadt konzentrierte sich auf Zusammenhänge und Beziehungen: Wie ist Lehrte mit seinem Umland verbunden? Wo liegen wichtige Mobilitätsachsen und Knotenpunkte? Wie können Radverkehr und öffentlicher Verkehr miteinander verknüpft werden? Und welche Rolle spielen Freiräume und die räumliche Struktur der Stadt?
Auf der Ebene Quartier wurde die Perspektive alltäglicher. Wie bewegen wir uns zwischen Wohnen, Arbeiten, Einkaufen, Bildung und Freizeit? Welche Wege sind kurz genug, um sie zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurückzulegen? Wie hängen die verschiedenen Teile der Stadt miteinander zusammen?
Auf der Ebene der Straße wurde es schließlich konkret: Querungen, Fahrbahnen, Haltestellen, Radwege, Aufenthaltsbereiche und die Frage, wie sich unterschiedliche Anforderungen tatsächlich im Straßenraum begegnen.
Interessant war, dass die Studierenden die Maßstabsebenen nicht nur als unterschiedliche Darstellungsgrößen erlebten. Sie bemerkten, dass Entscheidungen auf einer Ebene den Handlungsspielraum auf der nächsten Ebene mitbestimmen. Eine Gruppe, die an der Straße arbeitete, beschrieb die Aufgabe rückblickend sogar als „leicht" – weil auf den Ebenen von Quartier und Gesamtstadt bereits viele Entscheidungen getroffen worden waren.
Damit wurde die Arbeit an den drei Maßstabsebenen selbst zu einem Übersetzungsprozess. Eine Idee musste ihren Charakter verändern, wenn sie von der Gesamtstadt ins Quartier und schließlich in den Straßenraum wanderte. Aus einem Netz wurde eine Beziehung zwischen Orten, aus dieser Beziehung eine alltägliche Situation und schließlich eine konkrete räumliche Entscheidung.
Bemerkenswert war, dass darin etwas sichtbar wurde, das in der Planung leicht selbstverständlich erscheint: Räumliche Entscheidungen stehen nicht nebeneinander, sie greifen ineinander. Was auf der Ebene der Gesamtstadt entschieden wird, schafft Möglichkeiten – oder setzt Grenzen – für das Quartier. Was dort entschieden wird, prägt wiederum die konkrete Situation auf der Straße. Und damit gibt es eine weitere Parallele zum Medium: Der Maßstab ist nicht neutral. Er verändert, was wir sehen können.
Auf der Gesamtstadtebene sehen wir Netzwerke und Zusammenhänge. Im Quartier sehen wir Alltagsbeziehungen und Wege. Auf der Straße sehen wir konkrete Konflikte, Abstände, Querungen und Aufenthaltsmöglichkeiten.
Vielleicht ist das eine der einfachen Erkenntnisse aus dem Experiment: Wer über Zukünfte nachdenken will, kann andere Medien ausprobieren. Zusätzlichen bietet die Erprobung der Idee in unterschiedlichen Maßstabsebenen Möglichkeiten zur Prüfung der Umsetzungsfähigkeit, der Konkretisierung und Abwägung.
6 Die Geschichten verlassen die Hochschule
Bis hierhin war das alles ein Experiment in der Lehre. Interessant wurde es an dem Punkt, an dem die Arbeiten die Hochschule verließen: Die Studierenden stellten ihre Arbeiten im Bau- und Verkehrsplanungsausschuss der Stadt Lehrte vor. Die großen Plakate, der Film, die Comics und das Game bildeten einen Gesprächsanlass in dem kommunal-politischen Kontext. Die Arbeiten zeigten erst, wie Mobilität in Lehrte aussehen könnte, um dann Potenziale und Defizite aufzuzeigen. Das war ein interessanter Moment: Die Arbeiten stellten sich nun außerhalb der Hochschule in einem neuen Kontext den Erwartungen, dem lokalen Wissen und Verantwortlichkeiten und mussten diesem Kontextwechsel standhalten.

(Fotos: Anna Schödel und Trixi Kerth)
In der anschließenden Diskussion wurde deutlich, dass aus Politik und Verwaltung vor allem der Wunsch nach konkretem Handeln, Orientierung und Priorisierung bestand. So entstand aus diesem Austausch eine weitere Zusammenarbeit. In zwei Thementagen wurde die Zukunft der Mobilität in Lehrte mit Vertreterinnen aus Verwaltung und Politik weiter diskutiert. Eingeladene externe Expertinnen brachten zusätzliche Perspektiven ein; anschließend wurde in Kleingruppen gearbeitet und das Gehörte auf die konkrete Situation in Lehrte übertragen. Ursprünglich sollten daraus 20 Thesen für die weitere Mobilitätsentwicklung entstehen. Am Ende waren es 18.
Als Hauptfrage bewies sich die, die uns schon im Seminar schon beschäftigt hatte: Wie kommen unterschiedliche Perspektiven zusammen? Hier gestaltete sich der Austausch zwischen Verwaltung, Politik, lokalem Erfahrungswissen und externem Fachwissen. Der Unterschied war nicht so groß: unterschiedliche Sichtweisen sichtbar machen, sie miteinander in Beziehung setzen und daraus gemeinsame Fragen und schließlich konkrete Orientierung entstehen lassen – das blieben die Aufgaben.
Die Geschichten hatten damit ihre Funktion verändert. In der Hochschule waren sie ein Werkzeug, um Denken zu üben. In Lehrte bildeten sie einen Ausgangspunkt, um über tatsächliche Entscheidungen zu sprechen. Und hier wurde die Frage interessant, ob Storytelling tatsächlich mehr sein kann als eine Form der Kommunikation. Kann es helfen, aus unterschiedlichen Wahrnehmungen eine gemeinsame Vorstellung davon zu entwickeln, wohin sich eine Stadt bewegen soll – und was dafür als Nächstes zu tun ist?
7 Von der Geschichte zur gemeinsamen Richtung
Während die Studierenden an der Hochschule Zukunftsbilder mit Figuren, Geschichten, Bildern und Spielregeln entwickelten, brachten die Thementage unterschiedliche Erfahrungen und fachliche Perspektiven zusammen, um eine gemeinsame Richtung für Lehrte zu entwickeln. Letztlich ist dies eine ähnliche Herausforderung: Wie kommen wir von unterschiedlichen Vorstellungen zu einer gemeinsamen Vorstellung davon, was als Nächstes passieren soll?
.Das Format der Thementage war deshalb als Dialogformat mit Vertreter*innen der Stadtgesellschaft angelegt. Es begann mit fachlichen Inputs und ging schnell in die Diskussion: Was bedeutet das für Lehrte? Wo liegen die Konflikte? Was könnte verändert werden?
Viele Fragen sind in diesem Schritt zu konkretisieren. Sollten Mobilpunkte mehr sein als reine Umsteigestationen – Orte des Aufenthalts und der Begegnung? Wie ist mit dem ruhenden Verkehr umzugehen? Kann Parkraummanagement dazu beitragen, Straßenräume anders nutzbar zu machen? Bei all diesen Themen zeigten sich unterschiedliche Interessen und Zielkonflikte. Gleichzeitig entstanden gemeinsame Linien: mehr Raum für Fuß- und Radverkehr, bessere Aufenthaltsqualitäten, eine andere Organisation des ruhenden Verkehrs und der Wunsch, die Mobilitätswende aktiv zu gestalten.

(Darstellung Büro plan zwei)
Im zweiten Thementag wurde dieser Gedanke noch einmal zugespitzt: Die Zukunft der Straßen als öffentlicher Raum. Die Dialogveranstaltung betrachtete Mobilitätswende, Grün- und Freiraumentwicklung und städtebauliche Qualität als miteinander verbundene Aufgaben.
Am Ende standen Leitgedanken und Thesen, die als Orientierung für die weitere Arbeit von Politik und Verwaltung dienen sollen. In den Formaten konnten 18 Thesen zur Zukunft der Mobilität in Lehrte festgehalten werden. Dabei ist hervorzuheben, dass die Diskussion nicht auf eine einzige Lösung hinauslief. Gerade in Bezug auf Stellplätze und bei der Neuordnung des Straßenraums wurden unterschiedliche Positionen sichtbar. Gleichzeitig entstand eine gemeinsame Richtung: mehr Raum für Fuß- und Radverkehr, bessere Aufenthaltsqualitäten, eine andere Organisation des ruhenden Verkehrs und der Wunsch, die Mobilitätswende aktiv zu gestalten.
Letztlich lieferten die Geschichten der Studierenden keine fertigen Lösungen, sondern halfen, ein Gespräch zu eröffnen. Bei der gemeinsamen Entwicklung alternativer Zukünfte ist das wohl eine wichtige Rolle von Planung: nicht sofort die richtige Antwort zu kennen, sondern Situationen zu schaffen, in denen unterschiedliche Menschen anfangen können, über dieselben Zukünfte zu sprechen.
8 Was bleibt?
Wenn ich heute auf das Experiment zurückblicke, würde ich nicht pauschal sagen, dass wir mit Storytelling DIE neue Methode für die Mobilitätswende fanden. Dafür war das Experiment viel zu offen und betrachtet eher diese Frage:
Wie kann ich Studierende dazu herausfordern, anders über Zukünfte nachzudenken?
Meine Antwort darauf ist nach diesem Semester etwas klarer geworden. Es ist spannend, Studierende mit neuen Inhalten zu konfrontieren. Noch spannender ist es jedoch, sie dazu zu bringen, eigene Denk- und Darstellungsweisen zu entwickeln und gemeinsam gewohnte von ungewohnten Wegen zu unterscheiden.
Der gewünschte Effekt war bei der Arbeit mit Comic, Film und Game spürbar. Die Studierenden mussten planen und gleichzeitig lernen, mit einem Medium umzugehen, das ihnen zunächst nicht vertraut war, und einen nicht unerheblichen Abstimmungsaufwand dafür bewältigen. Das war anspruchsvoll. Sie mussten sich zusätzlich untereinander abstimmen, ihre Ideen übersetzen und Entscheidungen treffen. Dadurch waren planerische Routinen nicht einfach fortzusetzen.
Das Medium wurde zum Werkzeug des Denkens.
Die drei Maßstabsebenen zeigten, dass Perspektiven nicht neutral sind. Gesamtstadt, Quartier und Straße machen jeweils etwas anderes sichtbar. Die Studierenden lernten, was auf der einen Ebene als Entscheidung erscheint, wird auf einer anderen Ebene zur Voraussetzung oder Einschränkung für weitere Entscheidungen.
Wie lernen wir, in alternativen Zukünften zu denken?
In der Lehre geht es darum, Studierende dazu zu befähigen, Räume nicht als gesetzt anzuerkennen, sondern ihre Möglichkeiten aufzudecken. Im Planungsalltag müssen unterschiedliche Akteur*innen koordiniert werden, gemeinsam über Zukünfte nachzudenken und sie zu gestalten. In beiden Fällen müssen Perspektiven sichtbar, übersetzt und miteinander verhandelt werden.
Der Unterschied ist: In der Lehre dürfen wir diese Prozesse ausprobieren. In der Planung müssen wir mit den Konsequenzen umgehen. Gerade bei der Mobilitätswende ist diese Beobachtung relevant, denn eine andere Mobilitätskultur entsteht nicht allein durch neue Verkehrsinfrastruktur oder neue Mobilitätsangebote. Sie basiert darauf, über alternative Vorstellungen davon zu verfügen, wie wir unsere Stadt nutzen wollen, wie wir uns darin bewegen und wem der öffentliche Raum eigentlich zusteht.
Die Arbeit in Lehrte hat mir gezeigt, dass die Entwicklung von Alternativen als Erzählung anschlussfähig wird und Diskussionsräume aufschließt. Vielleicht beginnt eine andere Kultur der Mobilität damit auch in der Planungspraxis durch das Herstellen einer kollektiven Vorstellung anderer Zukünfte der Städte.
Die Geschichten der Studierenden öffneten Perspektiven, ließen Widersprüche zu und machten unterschiedliche Vorstellungen von Mobilität sichtbar. Aber aus Geschichten werden keine Straßenräume. Aus Bildern entstehen noch keine Mobilitätsangebote. Und aus einer guten Zukunftserzählung folgt noch keine politische Entscheidung. Aber vor der planerischen Entscheidung müssen Zukünfte überhaupt vorstellbar, besprechbar und verhandelbar werden. Die Arbeit hat eine Grundlage aufgebaut, um in der kommunalen Diskussion Möglichkeitsräume zu eröffnen.
Und vielleicht müssen wir dafür nicht nur neue Lösungen testen. Wir sollten neue Formen des Zuhörens, Übersetzens und Aushandelns ausprobieren. Denn am Ende bleibt nicht die Frage, ob Comic, Film, Game oder Storytelling die besseren Werkzeuge der Planung sind. Sondern die viel grundlegendere Frage:
Was passiert, wenn wir die Werkzeuge der Planung neu interpretieren – und dadurch anfangen, alternative Zukünfte zu sehen?
Kontakt:
Vielen Dank an die Stadt Lehrte und allen Studierenden aus dem Projekt „Sind wir schon da? Mobilitätsnarrative aus der Stadt Lehrte" und dem Seminar „Sind wir schon da? Storytelling als Handlungsansatz in der Mobilitätswende" im Sommersemester 2025 an der Universität Kassel FB06-ASL, Fachgebiet Stadtmanagement.
Lisa Nieße | lisaniesse@plan-zwei.com