Der Beitrag stellt den Essy "Bleibefreiheit" der Philosophin Eva von Redecker vor. Bleibefreiheit meint, die Freiheit in Gezeitenfülle zu leben. Der Essay bereichert die die Diskussion um eine andere Kultur der Mobilität und die Qualität des Dableibens.
Autorin: Dr. Margarete Spiecker
11. August 2026

Die bayerische Landesgruppe bringt unter dem Stichwort „Bleibefreiheit – Die Qualität des Dableibens“ einen schillernden Begriff in die Jahrestagung ein. Der Begriff der Bleibefreiheit ist inspiriert von einem Essay der Philosophin Eva von Redecker. Der Essay „Bleibefreiheit“ wurde von der Kritik als „nachhaltiges Sommerbuch“, „beflügelnd“ und voller „poetischer Reflexionen, kluger Analysen und spielerischem Einfallsreichtum“ gelobt. Die Philosophin sei eine der interessantesten Denkerinnen ihrer Generation. Einige DASL-Mitglieder werden sich gerne daran erinnern, wie Redecker bei der Jahrestagung 2022 in Berlin einen lebendigen Festvortrag hielt, damals zur „Architektur der Zwischenräume“.
Ich werde zunächst die zentrale Grundaussage aus dem Essay beleuchten: Bleibefreiheit versteht die Philosophin als Freiheit, in Gezeitenfülle zu leben. Es werden sodann kurz Ansätze aufgezeigt, welche Bedeutung die so verstandene Bleibefreiheit für die Qualität des Dableibens haben könnte.
A. Der Essay „Bleibefreiheit“ von Eva von Redecker (2023)
Die Philosophin befasst sich zunächst mit dem gängigen Begriff der Freiheit, bevor sie sich dem neuen Begriff der Bleibefreiheit zuwendet. Historisch gesehen sei Freiheit zumeist im Sinne einer Bewegungsfreiheit im Raum verstanden worden, zum Beispiel auch der Freiheit zu Reisen. Dieser liberale Freiheitsbegriff operiere mit den Bewegungsspielräumen und den Schranken. Bewegungsfreiheit sei allerdings auch nur Freiheit, wo das Bleiben möglich sei. Und das Bleiben-Können sei sehr voraussetzungsreich. Es erfordere die Wahrung einer bewohnbaren Welt.
Ein zentraler Ansatz Redeckers ist, dass der neue Begriff der Bleibefreiheit zeitlich aufgefasst wird. Dies impliziert verschiedene Facetten des Zeitbewusstseins, die die Autorin anschaulich auffächert. Zunächst erinnert sie an die Geburtlichkeit und Endlichkeit des menschlichen Lebens. Das Bewusstsein für die Geburtlichkeit meine dabei gerade eine Haltung, die die wiederkehrenden Möglichkeiten von schöpferischen Neuanfängen mitdenke. Der Mensch nehme zudem an der Erde teil, die auch „aus Zeit gemacht“ sei. Die Philosophin (und Bauerntochter) vertritt ein eigenes ökologisches Zeitverständnis. Wer die Zeit der Erde allein linear im Sinne eines Zeitstrahles der über 4 Milliarden Jahre alten Entstehungszeit der Erde begreife, werde der Geologie und Biologie des Bodens als Lebensgrundlage nicht gerecht.
In Bezug auf die Kapazität der Erde, Leben zu nähren, sei ein Denken in Gezeiten wichtig. Der Boden lebe in Gezeiten. Es gebe eine Gezeitenspanne vom Lavastein zu Boden. Aber der Boden selbst sei wiederum ein Ensemble von Gezeiten, ein Gebilde, in dem Zyklen mit ganz unterschiedlichen Radien ineinandergriffen, Laubfall, Regen, Pilzsporen und Springschwänze und so weiter – sie stünden in unendlichen Wechselwirkungen. Leben sei – so gesehen – Transformation von Stoff in Gezeiten, das heißt ein Gebilde wechselseitig verwobener Regenationsspannen.
Redecker schreibt weiter: „Wollen wir uns der Klimakatastrophen stellen, müssen wir uns der pluralen Gezeiten annehmen, und dabei nicht nur den Steinen, sondern auch diversen Ökosystemen des Planeten ihre Zeit ablesen.“ Ein solches Zeitbewusstsein beginne mit der Einsicht, dass jedes Ding seine Zeit hat, die Zeit nämlich, die in seine Entstehung floss. Sich zu verhalten, als ob man bleiben wollte, erfordere nicht, die eine große Apokalypse aufzuhalten. Es gehe vielmehr um kleine, unscheinbare, verstreute und doch omnipräsente Prozesse der Dysbiose bzw. Zersetzung von Gezeitenfülle. Diesen müsse man entgegenarbeiten, um den Gezeitenkollaps zu verhindern.
In einer Haltung der Dankbarkeit für die eigene Geburtlichkeit und des Bewusstseins der Gezeitenverflechtung gehe es bei der Freiheit darum, nährende und regenerierende Verhältnisse auf dem Planeten mit wiederholbaren Gezeiten zu finden, zu erhalten und kreativ zu unterstützen. Je üppiger sich das ökologische Leben regeneriere, desto freier seien wir in unseren co-schöpferischen Experimenten. Ökologische Befreiung bedeute, etwas Lebendigem seine Zeit zu lassen. Bleibefreiheit wachse mit der Fülle der Gezeiten und erlaube das Verweilen in erfüllter Zeit.
Das Buch beginnt und endet mit der poetischen Frage: „Wissen Sie, wie es sich anfühlt, wenn die Schwalben wiederkommen?“
B. Bleibefreiheit und die Qualität des Dableibens
Wir können gespannt sein, welche Qualitäten des Dableibens aufscheinen, wenn Bleibefreiheit nicht nur räumlich, sondern auch zeitlich im Sinne von Gezeitenfülle in ökologischer Verbundenheit und Gemeinschaft schöpferisch gedacht wird.
Bei der Jahrestagung werden naturgemäß die räumlichen Voraussetzungen und Konsequenzen von Mobilität im Vordergrund stehen. Unter dem Aspekt des Dableibens mag ein Aspekt sein, welche Räume in Stadt und Land „nährend und regenerierend“ sind und das Verweilen in erfüllter Zeit ermöglichen. Ich denke dabei vor allem an Kommunikationsorte, Begegnungsorte, Verweilorte, Grün- und Wasserflächen, kulturelle, sportliche und kreative Orte, in denen „wiederkehrende Möglichkeiten von schöpferischen Neuanfängen“ gefördert und gefeiert werden können. Diese Orte können Bleibelust anstelle von Reiselust erzeugen und befriedigen.
Inwieweit die zeitlichen Rahmenbedingungen der Urlaubs- und Ferienzeiten, d.h. zum Beispiel die lange Dauer der Sommerferien, aber auch die Terminierung von Festen hauptsächlich außerhalb der „Reisezeiten“ auf die Gezeitenfülle in Gemeinschaft zersetzend wirken oder auch nicht, sind andere Fragen.
Dr. Margarete Spiecker, Rechtsanwältin, Fachanwältin für Verwaltungsrecht und Bau- und Architektenrecht, Rechtsanwälte Dr. Schrems & Partner mbB, Regensburg