Bahnhöfe waren schon immer mehr als nur reine Verkehrsanlagen. Um wieder ähnliche Qualitäten von Begegnung, Aufenthalt und Mobilität wie in ihrer Blütezeit zu erreichen, bedarf es gut durchdachter Lösungen, willige Akteure und viel Ausdauer. Zahlreiche Beispiele zeigen, dass sich dieser Aufwand lohnt.

Autor: Dipl.-Ing. Arch. Tim Tröger
27. August 2026

Urheber: StadtLabor - Tröger+Mothes GbR

Vom Leuchtturm zur Schmuddelecke

Die Entwicklung der Eisenbahn war die wesentliche Voraussetzung für die tiefgreifende Veränderung von Mobilität im Europa des 19. Jahrhunderts. Städte rückten für Reisende in erreichbare Nähe und wirtschaftliche Ansiedlungen profitierten ebenfalls von der Schiene. Je nach Lage und Ortsgröße bildeten die lokalen Bahnhöfe neue Siedlungspunkte heraus. Denn der Betrieb der Bahn war nicht nur betrieblich sehr personalintensiv, auch der Service für die Reisenden brachte neue Gebäude- und Raumtypologien hervor. Um hier nicht nur von den vielzitierten „Kathedralen der Moderne“ zu sprechen: Das Gros der Empfangsgebäude findet sich in Mittel- und Kleinstädten.

Durch die Propagierung und Förderung des Automobilverkehrs geriet der Bahnverkehr in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ins Hintertreffen. Der Höhepunkt seiner Wirkungsentfaltung war überschritten und er bekam massive Konkurrenz durch Straßenneu- und -ausbauten und durch Autobahnen. Unter der Verlagerung des Personen- und Güterverkehrs von der Schiene auf die Straße litten auch die teils üppig dimensionierten Bahnflächen und Empfangsgebäude. Noch heute spüren wir im deutschen Bahnverkehr die Konsequenzen einer auf Gewinnorientierung betriebenen Bahn im Sparmodus. Eine große Zahl von Bahngebäuden wurde dem ursprünglichen Zweck entzogen und veräußert. Diese meist in private Hand übergegangen Gebäude stellten etliche Kommunen vor ein weiteres Problem. Hatten sie doch nun noch größere Schwierigkeiten, Einfluss auf eine passgerechte Nutzung zu nehmen. Häufig tut sich gar nichts, da die Gebäude nur noch als Spekulationsobjekte gesehen werden.

Trotz dieser widrigen Umstände ist es etlichen Kommunen gelungen, durch Grunderwerb wieder handlungsfähig zu werden. Angemerkt sei, dass es durchaus auch Beispiele für private Entwicklungen gibt, von denen die Öffentlichkeit einen Mehrwert hat. Eine der aktuellen Herausforderungen ist, Empfangsgebäude an aktiven Bahnstrecken nicht nur mit einer für die Kommune passenden Nutzung zu versehen, sondern gleichzeitig auch wieder die Rolle des Bahnhofs als Verkehrsknotenpunkt zu steigern. Ankommen, Abfahren, Umsteigen – all dies steht nach wie vor in Konkurrenz zum Auto und braucht daher einfache und bequeme Lösungen, sowie im besten Fall zusätzliche Angebote, die ihre Wirtschaftlichkeit auch aus der Nutzung durch Nichtreisende erlangen.

Neue Impulse zur Wiederbelebung

Der Bahnhof Meiningen ist ein Beispiel für einen solchen Wandel. Das große untergenutzte Gebäude in privater Hand war zuletzt aus baulichen Gründen nur noch umgehbar und wirkte auf dem Weg zu den Bahnsteigen beinahe wie eine Barriere. Der Omnibusbahnhof hat im Laufe der Jahrzehnte ein Eigenleben entwickelt, dass zuletzt mehr Wert auf innerbetriebliche Abläufe und Gewohnheiten gelegt hat als auf den Komfort der Reisenden. Umsteigewege waren lang und Abfahrtsplätze entbehrten jeder Selbsterklärung.

Die Stadt Meiningen hat sich vor wenigen Jahren zum Ziel gesetzt, diesen deutlich abgenutzten Standort wieder zur berühmten „Visitenkarte der Stadt“ zu machen und das gesamte Gelände schrittweise neu zu strukturieren. Mit großem Engagement, unterstützt durch den Freistaat Thüringen, wird das Bahnareal neu gedacht. Ein Hauptbaustein war der Erwerb des Empfangsgebäudes zur Sanierung und Modernisierung der denkmalgeschützten Strukturen.

Hierfür wurde ein Nutzungskonzept entwickelt, das einen Reise- und Infoservice mit Wartebereich, Gastronomie und ein Hostel vorsieht. Bereits ansässig ist die Bundespolizei, hinzukommen soll die Zentrale des lokalen Busunternehmens. Der Busbahnhof wird komplett neu geordnet und flächensparend in kompakter Form direkt am Bahnhofsgebäude mit kurzen Wegen zur Bahn angeordnet. Um dafür Baufreiheit zu schaffen, wurden die Busabfahrtsplätze als Interim bereits in die Nähe des Empfangsgebäudes verlegt. Dies ermöglicht, das bisher sehr weitläufige Areal neu zu nutzen. Hier wird neben einem Park&Ride-Platz auch ein privat entwickelter Einzelhandelsmarkt entstehen, der als neue Platzkante eine Raumwirkung durch gestapeltes Parken und sogar Wohnen im Obergeschoss bilden wird. Dieses Zusammenspiel von unterschiedlichen Nutzungen soll sich gegenseitig bestärken und der Lage eine neue Attraktivität bescheren. Die ursprüngliche Funktion des Bahnhofs wird künftig somit auch von anderen Zielgruppen wahrgenommen und genutzt. Zur Stärkung des Effekts ist zusätzlich eine Fuß- und Radbrücke über die Gleisanlagen der Deutschen Bahn vorgesehen, die die Wege zwischen Innenstadt, Bahnhof und einem dahinter liegenden Wohnquartier deutlich verkürzt und dem Einzelhändler zusätzliche Kunden beschert.

Für all die Einzelmaßnahmen wurden Verfahren gewählt, die kompetente Planer und Architekten an das Projekt binden, um sowohl technisch einwandfreie Lösungen zu erzielen, aber auch hinsichtlich baukultureller Ansprüche auf der Höhe der Zeit zu sein. Die gesamte Neuentwicklung soll schließlich auch angenehmen Aufenthalt auf den öffentlichen Flächen ermöglichen, die eine Durchmischung unterschiedlicher Nutzerschaft ermöglicht: Fahrgäste, Besucher, Einkäufer, Hostelgäste usw.

Gedanklich plant die Meininger Verwaltung bereits in Richtung Sanierung des angrenzenden Englischen Gartens, um dem historisch bedeutsamen Ensemble bis zum bekannten Stadttheater zu neuem Glanz zu verhelfen. Unterstützung dafür erhofft man sich von einer anstehenden Bewerbung der Stadt für die Thüringer Landesgartenschau 2036.

Fazit

Deutlich werden hierbei mehrere Punkte: Bahnhofsentwicklung ist keine reine Verkehrsaufgabe; es braucht eine strategisch integrierte Lösung, die zeitlich und räumlich über das eigentliche Areal hinausgeht. Akteure müssen an einem Strang ziehen und einen langen Atem haben. Die Liste der geglückten Reaktivierungen von Bahnhofsumfeldern ist ziemlich lang. Noch größer ist allerdings die Zahl der Areale in Wartestellung. Es gibt also viel zu planen!