Unsere Landesgruppe Nord widmet sich den „Herausforderungen fair organisierter Mobilitätsteilhabe“ und richtet dabei den Fokus auf den ländlichen Raum. Wir fragen danach, ob Mobilität Basis oder Spaltpilz für gesellschaftlichen Zusammenhalt bedeutet. Wir möchten darüber diskutieren, wie wir ein Netz von Orten schaffen können und in dem Kontext über Bündelungsoptionen, Gestaltungs- und Entwicklungsperspektiven und Möglichkeiten zur Optimierung von Mobilitätsbedarfen sprechen.

Autor: Tobias Goevert
17. August 2026

 

© Tobias Goevert

Kleinstädte und Dörfer können in ihrer Gestalt und Prägung sehr unterschiedlich sein. Manche Orte sind schöne Ausflugsziele mit alten Gebäuden, kleinen Läden und gemütlichen Gaststätten. Sie ziehen Städter an, die dem Trubel entfliehen wollen und, post Pandemie, ihre Kinder in ‘Bullerbü’ aufwachsen sehen wollen. Oft steigen die Preise für Wohnraum rapide an. Andere liegen mit betonierten Vorgärten und anonymen Fassaden an lauten Straßen und machen einen desolaten suburbanen Eindruck. Menschen ziehen weg, weil es dort kaum noch lokale Angebote gibt. Bäcker, Metzger und Kneipen sind verbarrikadiert, Kirchen werden nicht mehr genutzt und Bauernhöfe verpachtet. Supermärkte ersetzen die Ortskerne, und so manche geraten in eine Abwärtsspirale: Der Altersdurchschnitt, die Einsamkeit und die Armut steigen. Das führt dazu, dass die Gemeinschaft vor Ort nachhaltig geschwächt wird und kann, wie im Fall der französischen ‘Neonvesten’ 2018 Protestbewegungen entzünden.

Wir Planer:innen wissen, ob ein Ort attraktiv ist, hängt nicht nur davon ab, wie gut er mit Bus oder Bahn erreichbar ist, sondern auch von der Qualität der Häuser, dem Städtebau, dem öffentlichen Raum, der Nutzungsmischung sowie dem Engagement der Menschen. Ein durchdachter Städtebau schafft lebenswerte Räume, die Identität stiften und Gemeinschaft fördern. Gut gestaltete Ortszentren mit ansprechender Architektur und öffentlichen Plätzen ziehen Menschen an und stärken das soziale Miteinander. Beispiele hierfür sind Orte, die historische Bausubstanz behutsam saniert und mit modernen Nutzungen kombiniert haben, wodurch lebendige Treffpunkte entstanden sind.

Öffentliche Verkehrsmittel sind teuer und lohnen sich meist nur, wenn viele Menschen dort hinziehen. Deshalb konkurrieren die Orte oft darum, wer die besten Angebote und Nutzungen bieten kann. Gleichzeitig gibt es eine hohe Flächennachfrage für Energieversorgung oder Logistikflächen. Oft sind Steuergelder nötig, zum Beispiel um in die Ortszentren, soziale Einrichtungen und die Stärkung der lokalen Gemeinschaft zu investieren. Die Nähe zu großen Städten macht viele dieser Orte attraktiv, weil dort noch Platz für den Traum vom Einfamilienhaus ist. Aber nicht jeder Ort kann die gleiche Entwicklung verfolgen. Wichtig ist, dass sie zusammenarbeiten und sich nicht gegenseitig Konkurrenz machen. Es geht darum, gemeinsam zu planen, welche Nutzungen wo sinnvoll sind und wie Städtebau und Baukultur dabei eine zentrale Rolle spielen können.

Kann die Mobilitätswende hier helfen? Mehr Zugverbindungen und Buslinien wird es wohl nicht geben. Es braucht bessere Vernetzung mit diversen Verkehrsmitteln, die digital gesteuert und elektrisch betrieben werden können, sowohl für kurze als auch für längere Strecken. Die Technik für eine moderne, bessere Mobilität ist vorhanden. Neue Angebote wie Sammeltaxis, elektrische Roller oder Carsharing sind in den urbanen Räumen weit verbreitet. Außerdem sind neue Finanzierungswege und maßgeschneiderte Fördertöpfe nötig, um die lokale Infrastruktur auszubauen. Die Bevölkerung muss aktiviert und besser vernetzt werden, um gemeinsam an Lösungen zu arbeiten. Zu diesen Themen – der Vernetzung und der damit verknüpften Rolle von Mobilität, Städtebau und Baukultur für den Erfolg ländlicher Regionen - wollen wir uns gerne austauschen. Ein gemeinsamer Dialog kann helfen, bewährte Ansätze zu identifizieren und neue Ideen für eine nachhaltige und lebenswerte Entwicklung auf dem Land zu entwickeln.

Literaturhinweis: Stadt Bauwelt 250, 13.2026 Frankreich, nicht Paris