Der Beitrag der DASL-Landesgruppe Berlin-Brandenburg zur Jahrestagung 2026 in Nürnberg befasst sich anhand zweier Fallbeispiele aus Potsdam und Berlin mit den Zielen, Rahmenbedingungen und Voraussetzungen für das Gelingen der notwendigen Transformation unserer öffentlichen Räume als zentralem Baustein der Klimaanpassung und der Mobilitäts- und Verkehrswende. In diesem Text werden die beiden Fallbeispiele (Dortustraße in Potsdam, Friedrichstraße in Berlin) näher vorgestellt, als Vorbereitung für die Diskussion in Nürnberg.

Autorin: Yvonne Stolzmann
Autor: Dr. Julius Menge
16. Juli 2026

Beitrag der Landesgruppe Berlin-Brandenburg zur DASL-Jahrestagung 2026:
Gelingensbedingungen für die Transformation öffentlicher Räume – Die Fallbeispiele

Der Beitrag der DASL-Landesgruppe Berlin-Brandenburg zur Jahrestagung 2026 befasst sich anhand zweier Fallbeispiele aus Potsdam und Berlin mit den Zielen, Rahmenbedingungen und Voraussetzungen für das Gelingen der notwendigen Transformation unserer öffentlichen Räume als zentralem Baustein der Klimaanpassung und der Mobilitäts- und Verkehrswende.

In diesem Text werden die beiden Fallbeispiele (Dortustraße in Potsdam, Friedrichstraße in Berlin) näher vorgestellt, mit jeweils folgenden Aspekten:

  • Kurze Projektbeschreibung
  • Akteurskonstellation
  • Weiterführende Links

In einem späteren Beitrag werden zu den Erkenntnissen aus diesen Prozessen aus Sicht der Landesgruppe übertragbare Thesen abgeleitet, die als Grundlage für die Diskussion in Nürnberg dienen sollen.

Achtung: Dies sind Arbeitspapiere für Interessierte zur eigenständigen Vertiefung in das Thema, keine ausgefeilten und durchredigierten Texte!

1. Beispiel Potsdam

1.1 Beschreibung

Die Landeshauptstadt Potsdam verfolgt mit dem Konzept einer autoarmen Innenstadt das Ziel, die historische, barocke Innenstadt schrittweise autoärmer, flächengerechter und lebenswerter zu gestalten. Es handelt sich hierbei nicht um eine vollständig autofreie Zone, sondern um eine langfristige Neuaufteilung des öffentlichen Raums zugunsten von Fußgängern, Radfahrenden und einer höheren Aufenthaltsqualität. Im Fokus stehen dabei vor allem die Reduzierung des Parksuchverkehrs durch den Abbau von rund 500 Besucherparkplätzen, der weitgehende Erhalt von Anwohnerparkplätzen sowie die optische und funktionale Aufwertung der Straßen durch neue Sitzelemente, Fahrradbügel und zusätzliche Begrünung.

Das Gesamtkonzept umfasst zentrale Achsen wie die Lindenstraße, die Mittelstraße, den Platz Am Jägertor sowie Abschnitte der Gutenbergstraße und der Dortustraße. Als zentraler Modellversuch diente die Dortustraße zwischen Brandenburger Straße und Hegelallee, die von März 2024 bis Februar 2025 als verkehrsberuhigter Bereich mit provisorischen Stadtmöbeln getestet wurde. Die dort gewonnenen Erkenntnisse flossen direkt in die anschließenden Planungsphasen ein. Aktuell erarbeitet die Stadt das finale Straßenraumgestaltungskonzept, um die Verkehrsberuhigung in der Innenstadt dauerhaft zu verstetigen und die konkrete Umsetzung zu steuern.

1.2 Akteurskonstellation

  • Verwaltung: Fachbereich Stadtplanung (Bereich Stadtraum Mitte), Fachbereich Mobilität und Infrastruktur (Bereich Verkehrsentwicklung, Bereich Verkehr und Technik, Bereich Verkehrsanlagen), Fachbereich Klima, Umwelt und Grünflächen (AG Kommunale Freiraum- und Spielplatzplanung, AG Stadtbäume, AG Grünflächenunterhaltung), Fachbereich Bauen, Denkmalschutz, Vermessung und Geoinformation (Bereich Untere Denkmalschutzbehörde), Referentin des Beigeordneten für Stadtentwicklung, Bauen, Wirtschaft und Umwelt, Wirtschaftsförderung, Feuerwehr – gemeinsames Commitment/Ziel notwendig
  • Externe Dritte: Stadtwerke (Jelbi)
  • Stadtverordnete – Einfluss hoch
  • Kammern und Verbände, insbesondere IHK, HWK, HBB, ICI, Dehoga – in erster Linie Kritik, sinkende Umsätze und Kundenfrequenzen wurden ausschließlich dem Vorhaben autoarme Innenstadt angelastet, wenig konstruktive Vorschläge, keine Unterstützung vor Ort – Einfluss hoch
  • Lokale Gewerbetreibende – viele Einzelgespräche aber auch gute Beteiligung in den Gesprächsrunden – insbesondere letztere haben gezeigt, dass es nicht nur die eine Meinung unter den Gewerbetreibenden gibt – Befürworter suchen
  • Anwohnende – differenziertes Meinungsbild – Einfluss zum Teil hoch (sehr engagiert / Schreiben an OBM und Fraktionen etc.)
  • Passanten und Touristen – differenziertes Meinungsbild – Einfluss gering

Beteiligungsformate

  • Kinder- und Jugendbeteiligung (Jugend: Besuch von 2 Schulen / Arbeit mit Remix Streets, Kinder: Aktion vor Ort: Platzgestaltung)
  • 2 Werkstattveranstaltungen mit vorgelagerten Stadtspaziergängen
  • 2 Onlinebeteiligungen
  • 4 Gesprächsrunden mit Gewerbetreibenden (postalische Einladung)
  • 1 Anwohnerversammlung HV (postalische Einladung)
  • Viele Gespräche vor Ort mit Gewerbetreibenden
  • Infostand Realexperiment
  • Regelmäßige Gesprächstermine mit Kammern und Verbänden
  • 2 Befragungen LHP
  • Befragung IHK/HWK/HBB

1.3 Weiterführende Links

2. Beispiel Berlin

2.1 Beschreibung

Über die Frage einer angemessenen Gestaltung der Berliner Friedrichstraße im Hinblick auf Mobilitätsbedürfnisse, Aufenthaltsqualität und Attraktivität (u. a. als Einzelhandelsstandort) wird bereits seit vielen Jahren diskutiert. Durch die Bildung eines rot-grün-roten Senats nach der Abgeordnetenhauswahl 2016 und entsprechende Absichtserklärungen bekam diese Diskussion eine neue Dynamik, u. a. getrieben vom Verein Changing Cities e. V., der in der Friedrichstraße das ideale Symbolprojekt sah, wie zukünftig klima- und verkehrswendegerechte Straßenräume in der Berliner Innenstadt aussehen sollten (unterlegt mit eigenen Planungsvorschlägen unter der Überschrift „Flaniermeile“).

Begleitet durch Zuständigkeitsstreit zwischen Bezirk und Senat, Abstimmungsdefizite innerhalb des Senats und ein sehr konfliktträchtiges Diskursklima ohne einen konsistenten Beteiligungsprozess mit den Anliegern wurde im Herbst 2020 eine erste temporäre Umgestaltung umgesetzt, stark an den Vorschlägen von Changing Cities orientiert und inklusive einer Sperrung für den Autoverkehr.

In den Folgejahren entwickelte sich eine z. T. hitzige, auch medial und z. T. vor Gericht ausgetragene Auseinandersetzung zu diesem Thema, mit wechselnden verkehrsrechtlichen und gestalterischen Zuständen. Momentan ist die Friedrichstraße wieder ohne Einschränkungen für den Autoverkehr geöffnet, besser geht es ihr deshalb nicht. Sie steht somit weiter im Spannungsfeld der aktuellen Diskussion zu Stadtentwicklungs- und Verkehrspolitik in Berlin, zwischen Flaniermeile als urbanem Boulevard und dem Status als Nord-Süd-Achse im Berliner Verkehrsnetz (mal mit, mal ohne Autos), zwischen (radikalem) Neu- und Umbau und dem „weiter so“.

Was kann man aus diesen Erfahrungen lernen? Wie kann nach den Fehlschlägen der vergangenen Jahre ein stadtverträglicher, resilienter Prozess zur Umgestaltung unter Einbeziehung aller relevanten Interessen aussehen?

2.2 Akteurskonstellation

Agierende Rolle Interessen / Ziele
Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz (Legislatur 1, Grüne-geführtes Ressort) Initiatorin und politische Trägerin Verkehrswende, Reduzierung des Autoverkehrs, Aufwertung des öffentlichen Raums
Senatsverwaltung für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt (Legislatur 2, CDU-geführtes Ressort) Initiatorin und politische Trägerin Umgestaltung, Neuaufteilung, Aufwertung des öffentlichen Raums
Senatsverwaltung für Bauen und Wohnen Rahmensetzende und beteiligte Hauptverwaltung, politische Trägerin Städtebauliche Gestaltung der Berliner Mitte
Bezirksamt Mitte Lokale Umsetzungs- und Genehmigungsbehörde Aufwertung der Innenstadt, Beteiligung von Anwohnenden und Gewerbe
Changing Cities e. V. Zivilgesellschaftlicher Akteur, Mitentwickler des Konzepts Treiber der Verkehrswende, Förderung von Fuß- und Radverkehr
Netzwerk Fahrradfreundliche Mitte Mitentwickler des Konzepts Fahrradfreundliche Stadtentwicklung
Volksentscheid Fahrrad Impulsgeber Förderung fahrradfreundlicher Mobilität
IHK Berlin Vertretung der Wirtschaft Erreichbarkeit und wirtschaftliche Attraktivität
Handelsverband Berlin-Brandenburg Interessenvertretung des Einzelhandels Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit
DIE MITTE e. V. Standortgemeinschaft Belebung der Einkaufsstraße
Gewerbetreibende und Anlieger Direkt Betroffene Umsätze, Lieferverkehr, Erreichbarkeit
Initiative „Rettet die Friedrichstraße“ Kritische Initiative (gegenüber „Verkehrswende“-Maßnahmen) Rücknahme bzw. Änderung der Sperrung
Verwaltungsgericht Berlin Rechtliche Kontrolle Prüfung der Rechtsgrundlagen
Oppositionsparteien (je nach Legislatur unterschiedlich) Politische Opposition Kritik an Sperrung und Erreichbarkeitsproblemen
Koalition (je nach Legislatur unterschiedlich) Politische Befürworter Unterstützung der Verkehrswende / Unterstützung des Projekts
Medien (insb. lokal) Diskussion der Ziele und Prozesse, t. T. Herausstellung der Belange einzelner Betroffener bzw. Betroffenengruppen Unterschiedliche, intensive und kritische Auseinandersetzung; z. T. sachliche Argumentation und Diskussion, z. T. aber auch Verstärkung emotionaler Ansätze und Zurückstellen von Fachlichkeit

Zentrale Interessenkonflikte

    • Fokus Verkehrswende und Klimaschutz, Gestaltung und Verteilung des öffentlichen Raums, Bedeutung der verkehrlichen Verbindungsfunktion
    • Wirtschaftliche Attraktivität der Friedrichstraße und des Umfelds, Sicherung der Attraktivität und Erreichbarkeit
    • Interessen der Nutzenden: Lieferverkehr, Erschließung und Vermeidung von Verlagerungseffekten
    • Unterschiedliche Einschätzungen zur rechtlichen Zulässigkeit, diverse Agierende mit z. T. zeitlich nicht stabilen Einschätzungen / Ausrichtungen

2.3 Weiterführende Links