„Positives Dableiben heißt auch Verantwortung übernehmen"

Gute und einfache Mobilität erleichtert die Vermeidung von Konflikten und die Erfüllung von eigenen Erwartungen oft andernorts. Diese von mir auch provokant als „Flucht" bezeichnete Ausweichbewegung wird deutlich einfacher und fördert die Konfliktunfähigkeit sowie das Fehlen von Aushandlungsprozessen wie die Übernahme von Verantwortung. Sie vermeidet zudem, sich einzubringen für eine Verbesserung oder notwendige Veränderung vor Ort und stellt dadurch das Bürgertum etwas in Frage, als eine sich einbringende Gesellschaftsgruppe.

Gewagte These? Der Versuch einer Untersetzung.

Urlaub, weil man es woanders besser hat, schöner ist? Arbeit, weil man woanders besser und mehr Geld verdient? Die soziale und kulturelle Infrastruktur nutzen, die woanders besser ist.

Warum ist es woanders besser als an dem Ort, an dem man ist? Eine Frage der Jugend oder des Alters?

Ich lasse mich mal gedanklich treiben:

Ich glaube, es könnten auch Fragen sein, die davon zeugen, dass man seine Vorstellungen vom Leben in der begrenzten Zeit, die wir nun mal haben, einfacher und konfliktfreier verwirklichen kann, wenn man dorthin geht, wo es vermeintlich leichter ist. Wo diese Vorstellungen für die eigene, jetzt gerade vorherrschende Lebenssituation besser passen oder es sich ohne andere einzubeziehen realisieren lässt: Urlaub, Entspannung, Wohnen, Leben, Aktion, Geld, Wohlstand, interessante Begegnungen, Sport, sich treiben lassen, …

All diese Dinge lassen sich auch vor Ort realisieren, in der ein oder anderen kompromissvollen Form, aber oft nur unter Mithilfe von anderen. Neudeutsch: Kooperationen eingehen, Interessengemeinschaften gründen, Vereinen oder Initiativen beitreten oder sie gründen… Hier eine nicht ganz ernst gemeinte Zwischenbemerkung: „oder auf den Staat warten, dass er es macht – schließlich zahle ich ja Steuer."

Diese Stakeholder, genossenschaftliche Modelle oder gar Stiftungen sind ja gerade wieder im Kommen und in Mode. Aber sie machen Arbeit. Der gemeinsame Mehrwert muss artikuliert und gemeinsam entwickelt werden. Interessen müssen kanalisiert und von Einzelinteressen zu Gemeinschaftsinteressen aufgebaut werden. Aufkommende Konflikte müssen gelöst werden, Abstimmungen und Kompromisse müssen gefunden werden – und dann muss man nach all dieser Zeit auch noch ins Tun kommen. All das erfordert Zeit und Engagement und Durchhaltevermögen – und ist nicht eben „einfach".

Damit muss die Not schon groß sein, um diesen oft steinigen Weg zu gehen – oder der Enthusiasmus sehr groß (oder auch die soziale Bindung wie Familie und Freunde ist sehr stabil und stark).

Wie viel leichter ist es doch, sich eher auf den Weg zu machen – woandershin! Und es ist oftmals ja leichter und günstiger. Gerade in den „Suche- und Orientierungsphasen" eines Lebens, nach der Schule, vor und nach der Ausbildung, nach dem Studium, bei der Familiengründung, nach der Selbstverwirklichung oder eben kurz vor dem Renten- und Pensionsalter oder als Pflegefall.

Wohl dem, der sich früh Gedanken darüber gemacht hat. Die Möglichkeit der günstigen Mobilität. Also mobil zu sein in Arbeit, Freizeit und Versorgung. Das bedeutet aber auch die vermeintliche Freiheit einer Verantwortungsabgabe an die Dableibenden.

Die Hotelgastmentalität

Ich sage dazu: Das erinnert mich sehr an eine Hotelgastmentalität. Man zahlt seine Hotelkosten und erwartet dann den entsprechenden Service. Ich denke auch: Das ist berechtigt, aber wissend, dass dies nur auf eine kurze Zeit funktioniert und man es sich leisten kann.

Aber eine örtliche Gemeinschaft ist nun mal kein Hotel – auch wenn manche Stadtverwaltung sich als Dienstleister darstellt und damit einem Hotelmanagement im öffentlichen Auftritt gleichtun will – oder ist das ein Missverständnis?

Ein Projekt, das zum Scheitern verurteilt ist, weil Hotelgäste nicht abstimmen, wer der Manager ist, sondern sie gehen und kommen nicht wieder. (Abstimmung mit den Füßen – moderne Mobilität?)

Das Dableiben und weniger räumliche Mobilität erfordert also die Auseinandersetzung mit den örtlichen und natürlichen Gegebenheiten. Und zwar in einer Gemeinschaft der örtlich Ansässigen.

Der vermeintliche „Fluch" der einfachen und schnellen räumlichen Mobilität ist, dass sie im Verhältnis zum Aufwand von Engagement und Kompromissfähigkeit in keinem günstigen Verhältnis steht.

Was heißt hier eigentlich „einfacher"?

Es ist einfacher, mit dem Auto zum Supermarkt am Stadtrand zu fahren, als in der Altstadt einzukaufen. Es ist einfacher, im Online-Handel / in China an eine günstige Uhr zu kommen, als beim örtlichen Juwelier mit Beratung zu einer neuen Uhr zu kommen. Es ist einfacher, sich den Fernseher nach Hause liefern zu lassen, als über einen Radio- und Fernsehmechaniker, der den Apparat auch reparieren könnte.

Damit meine ich: „Einfacher" ist in diesem Fall eine sehr individuelle und nicht nur zeitliche Einfachheit oder gar Schnelligkeit. Wir sollten hier nicht reflexartig die Geschwindigkeit oder den Zeitaufwand ins Feld führen.

„Einfacher" kann man auch mit „effizienter" im jeweiligen Einzelfall gleichsetzen. Einfacher für Kinder mit neuen Kompetenzen, einfacher für Familien in deren sehr komplexem und sehr auf Rationalität getrimmtem Alltag – aber auch einfach für ältere Menschen in Bezug auf Bedienbarkeit, Erreichbarkeit und Verfügbarkeit.

Die meisten dieser Dinge lassen sich technisch oder manchmal planerisch lösen. Aber warum lösen es die Betroffenen nicht selbst, sondern lassen es sich „lösen" oder wollen gerne „erlöst" werden, oft von anderen Personen, Strukturen, Stadtteilmanagern oder Politikern?

Ich denke: Räumlich „einfach gemachte" Mobilität verführt manchmal dazu, den vermeintlich einfacheren Weg zu gehen und sich sprichwörtlich „aus dem Staub zu machen".

Mein kurzes Fazit des Gedankensplitters

„Einfachere" Mobilität ist nicht automatisch gesellschaftlich problematisch. Problematisch wird jedoch ihre Kopplung an die Erwartung, lokale Verantwortung müsse nicht in gleicher Weise getragen werden. Wenn Ortswechsel als „Ausweichen" für Aushandlung, Kompromissbildung und Umsetzung funktioniert, sinkt die Bereitschaft, Verantwortung im lokalen Kontext zu übernehmen.

Mobilität ist nicht nur Verkehrs- oder Erreichbarkeitsfrage, sondern auch eine Frage der Governance lokaler Gemeinschaften und der Bereitschaft zur Koproduktion.

Ich wollte zumindest den Gedankensplitter loswerden und zum Nachdenken anregen, ob wir Planer*innen immer das Richtige tun im Rahmen der diskutierten „Stärkung der Mobilität".