Wohnungsmarktkrisen als Blockaden sozialer und räumlicher Mobilität
Abstract
Mobilität wird in der Raum- und Verkehrsplanung traditionell über Verkehrsträger und physische Bewegungsströme definiert. Dieser Beitrag plädiert für eine Erweiterung des Mobilitätsbegriffs hin zur wohnbiografischen Flexibilität. Ein dysfunktionaler Wohnungsmarkt schränkt die Anpassungsfähigkeit von Haushalten an veränderte Lebensumstände massiv ein und erzeugt strukturelle Lock-in-Effekte. Auf Basis einer empirischen Untersuchung des Instituts Wohnen und Umwelt (IWU) zu den krisenbedingten Strategieanpassungen der hessischen Wohnungswirtschaft werden die Genese dieser Blockaden sowie die resultierenden Anforderungen an eine transformative Planungskultur analysiert. Neben makroökonomischen und regulatorischen Reformen rücken dabei innovative Instrumente wie ein aktives, betriebliches Belegungs- und Umzugsmanagement in den Fokus.
Autorin: Dr. Monika Meyer
Geschäftsführerin Institut Wohnen und Umwelt GmbH, Darmstadt
23. September 2026

Mobilität beginnt nicht erst auf der Straße, auf der Schiene oder auf dem Fahrrad. Sie beginnt mit der realen Möglichkeit, den eigenen Lebensmittelpunkt zu verändern.
Wer wegen eines neuen Arbeitsplatzes umziehen möchte, nach einer Trennung eine kleinere Wohnung sucht, mit der Familiengründung mehr Platz benötigt oder im Alter ein barrierearmes Umfeld braucht, ist auf einen funktionierenden Wohnungsmarkt angewiesen. Fehlt jedoch die passende und bezahlbare Alternative, wird aus dem Wunsch nach Veränderung ein struktureller Lock-in-Effekt: Menschen verharren in ihren aktuellen Wohnverhältnissen – nicht zwingend aus Verbundenheit, sondern mangels Alternativen [1].
Damit avanciert das Wohnen zu einer Kernfrage der Mobilität. Mehr noch: zu einer Frage der sozialen Mobilität. Wenn Bürger ihren Wohnort nicht mehr an veränderte Lebenssituationen, berufliche Chancen oder familiäre Dynamiken anpassen können, schrumpfen ihre individuellen Handlungsspielräume. Wohnungsmarkt und Mobilitätssysteme dürfen daher nicht länger isoliert betrachtet werden; sie bedingen einander fundamental.
Dieser erweiterte Mobilitätsbegriff knüpft direkt an die Perspektive der DASL-Jahrestagung 2026 an: Mobilität erschöpft sich nicht in der physischen Bewegung zwischen zwei Orten. Sie beschreibt die Fähigkeit, Räume zu wechseln, Chancen wahrzunehmen und adaptiv auf biografische Veränderungen zu reagieren. Voraussetzung hierfür sind nicht nur leistungsfähige Verkehrsverbindungen, sondern gleichermaßen ein zugänglicher Wohnungsmarkt.
Wir stehen somit vor der Notwendigkeit eines Paradigmenwechsels hin zu einer neuen, transformativen Planungskultur des Wohnens. Denn Raum- und Wohnungsversorgung sind keine neutralen Systeme, sondern das Resultat politischer, planerischer und ökonomischer Weichenstellungen. Wo gebaut wird, für wen gebaut wird und wer sich Wohnraum leisten kann, ist kein Zufall. Planung verteilt Lebenschancen – und damit auch Mobilitätsoptionen. Die entscheidende Frage lautet daher nicht mehr nur: Wie kommen Menschen von A nach B? Sondern: Können Menschen überhaupt noch von A nach B umziehen, wenn ihr Leben es verlangt?
Der vorliegende Beitrag beleuchtet diese Schnittstelle zwischen Wohnbiografie und Mobilität. Er basiert auf einem Forschungsprojekt des Instituts Wohnen und Umwelt (IWU) im Auftrag des Landes Hessen [1]. Die zugrundeliegende Studie analysiert, wie hessische Wohnungsunternehmen strategisch auf die veränderten wirtschaftlichen, geopolitischen und regulatorischen Rahmenbedingungen seit 2020 reagieren. Darauf aufbauend wird untersucht, wie Lock-in-Effekte entstehen, welche Folgen sie für die soziale sowie räumliche Mobilität nach sich ziehen und welche Rolle eine reformierte Planung einnehmen muss, um Beweglichkeit im Wohnungsmarkt wiederherzustellen.
Wohnen wird unbeweglicher: Die Genese der Blockade
Die Rahmenbedingungen der Wohnraumversorgung haben sich drastisch verschärft. Geopolitische Verwerfungen, rapide gestiegene Bau- und Finanzierungskosten, ambitionierte Klimaschutzanforderungen sowie eine zunehmende Dichte regulatorischer Vorgaben treiben die Gestehungskosten in die Höhe. Insbesondere die makroökonomische Zinswende hat die Immobilienfinanzierung massiv verteuert und schränkt die Verhaltenselastizität der Haushalte spürbar ein.
Die Konsequenzen beschränken sich nicht auf den Einbruch des Wohnungsneubaus. Sie verändern die gesamte Dynamik des Umzugsgeschehens. Es entsteht ein ausgeprägter Lock-in-Effekt: Da Haushalte in langjährigen Mietverhältnissen von historisch günstigen Konditionen profitieren, klafft eine tiefe Lücke zu den aktuellen Neuvertragsmieten. Ein freiwilliger Wohnungswechsel wird dadurch wirtschaftlich irrational. Wer heute auf dem freien Markt suchen muss, trifft auf ein historisch knappes Angebot bei gleichzeitig maximalem Preisniveau.
In der Folge verfestigen sich die Wohnstrukturen zulasten der gesellschaftlichen Dynamik:
- Demografische Fehlallokation: Ältere Menschen verbleiben oft allein oder zu zweit in großflächigen Wohnungen, da es an attraktiven, barrierearmen und bezahlbaren Alternativen im Quartier fehlt. Ein Umzug scheitert an hohen Neuvertragsmieten kleinerer Wohnungen, Umzugskosten oder der Angst vor dem Verlust des sozialen Netzwerks. Dadurch bleiben familiengerechte Wohnungen blockiert.
- Biografische und berufliche Starrheit: Ob Familiengründung, Trennung oder Arbeitsplatzwechsel – notwendige räumliche Veränderungen werden auf dem angespannten Markt zur existenziellen Hürde. Dieser Mangel an Wohnungsmobilität entwickelt sich zunehmend zu einem harten Standortnachteil und erschwert die überregional dringliche Anwerbung von Fachkräften.
- Disparitäten im ländlichen Raum: In Regionen mit niedrigem Mietniveau lassen sich energetische Modernisierungen oft nicht über die Miete refinanzieren. Die Folge sind ausbleibende Investitionen oder wirtschaftlicher Druck auf die Bestände. Langfristig erodiert die Wohnungsqualität, was die Attraktivität und die Umzugsdynamik in diesen Räumen weiter schwächt.
Wohnungsmobilität ist folglich keine Selbstverständlichkeit mehr, sondern ein exklusives Gut, das zunehmend ungleich verteilt ist.
Strategische Hebel: Handlungsempfehlungen der hessischen Wohnungswirtschaft
Aus den empirischen Befunden des IWU-Projekts lassen sich zentrale politische Handlungsempfehlungen der hessischen Wohnungsunternehmen an Bund, Land und Kommunen ableiten [1]. Im Kern steht die Frage, wie die aktuellen investiven und regulatorischen Blockaden überwunden werden können. Die Wohnungswirtschaft identifiziert hierfür prioritäre Handlungsfelder:
1. Bürokratieabbau und Verfahrensbeschleunigung
Schleppende Genehmigungsprozesse und komplexe Verwaltungsschritte verteuern Bauprojekte und maximieren das Investitionsrisiko. Notwendig sind eine konsequente Digitalisierung der Bauverwaltungen sowie eine stärkere Harmonisierung der Landesbauordnungen, um Skaleneffekte im seriellen und modularen Bauen zu ermöglichen.
2. Synchronisation von Miet- und Baurecht mit der Investitionsrealität
Das rechtliche Korsett muss Investitionen stimulieren statt hemmen. Gefordert wird eine praxisnahe Weiterentwicklung der Modernisierungsumlage, um energetische und demografische Anpassungen der Bestände betriebswirtschaftlich tragfähig zu halten. Zudem sollten starre Stellplatzverordnungen – insbesondere an Knotenpunkten des ÖPNV – flexibilisiert werden; der Verzicht auf teure Tiefgaragen senkt die Gestehungskosten unmittelbar.
3. Pragmatischer Klimaschutz mit Quartiersfokus
Klimaschutz und Bezahlbarkeit dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Statt einer Verengung des Fokus auf die maximale Energieeffizienz der Einzelimmobilie wird ein technologieoffener, quartiersbezogener Ansatz benötigt [1]. Die Kopplung mit lokalen Nah- und Fernwärmenetzen ist oft ökonomisch wie ökologisch überlegen. Auch im Denkmalbestand bedarf es pragmatischerer, beschleunigter Abstimmungsverfahren.
4. Schließung der Förderlücke für mittlere Einkommen
Zwischen dem klassischen geförderten Segment (sozialer Wohnungsbau) und dem frei finanzierten Markt tut sich eine gravierende Lücke auf. Haushalte mit mittleren Einkommen überschreiten oft die starren Kriterien für einen Wohnberechtigungsschein, werden jedoch von den freien Marktmieten überfordert. Hier ist ein zusätzliches, gezieltes Fördersegment für die „breite Mitte" der Gesellschaft aufzubauen.
5. Verlässlichkeit und Kontinuität in der Förderkulisse
Wohnungswirtschaftliche Investitionen erfordern Planungssicherheit über mehrjährige Projektlaufzeiten. Abrupte Förderstopps oder kurzfristige Programmänderungen zerstören Kalkulationsgrundlagen und führen zum Baustopp. Gefordert werden daher langfristig verlässliche Förderinstrumente sowie Förderstandards, die sich an den tatsächlichen Lebenszykluskosten orientieren.
6. Gezieltes Belegungs- und Umzugsmanagement im Bestand
Um die bestehenden Blockaden auch ohne teuren Neubau abzufedern, setzen Unternehmen vermehrt auf ein aktives Wohnungswechsel- und Umzugsmanagement [1]:
- Wohnungswechsel- und Umzugsangebote: Wohnungsunternehmen gehen aktiv und gezielt auf ältere Menschen zu, die in für sie zu großen Wohnungen leben, und bieten ihnen passgenaue, barrierearme und besser geeignete Alternativen im eigenen Bestand an.
- Abbau von Umzugsbarrieren: Typische Hemmnisse für Senioren werden proaktiv abgefedert, etwa durch die Übernahme oder Bezuschussung von Umzugskosten sowie finanzielle Hilfen bei notwendigen Neueinbauten wie Küchen.
- Effizientere Bestandsauslastung: Durch das koordinierte Freiziehen großer Einheiten wird dringend benötigter Wohnraum für Familien im Bestand reaktiviert, ohne dass kostenintensiver Neubau realisiert werden muss.
Übergreifend markieren diese Punkte einen notwendigen Paradigmenwechsel: Wohnungsbau und Bestandsentwicklung müssen wieder unter verlässlichen, wirtschaftlich tragfähigen und zugleich sozial sowie ökologisch verantwortbaren Bedingungen stattfinden. Statt kurzfristiger mikro-politischer Einzelsteuerung braucht die Praxis langfristige Planungssicherheit, entschlackte Verfahren und eine Förderkulisse, die regionale Besonderheiten sowie differenzierte Einkommensgruppen abbildet.

Fazit: Für eine transformative Planung des Zusammenlebens
Wie schaffen wir Räume, in denen Menschen dauerhaft gut, klimaverträglich und bezahlbar wohnen können – und in denen sie auch dann eine passende Wohnung finden, wenn sich ihr Leben verändert?
Die Antwort verlangt ein radikales Zusammendenken von Wohnen, Boden, Infrastruktur, Mobilität, Klimaschutz und sozialer Daseinsvorsorge. Es bedarf einer vorausschauenden Planung, die langfristige räumliche Strategien entwickelt und nicht erst dann kosmetisch reagiert, wenn Verdrängung, Wohnungsmangel oder Investitionsstau bereits Realität sind. Gefragt ist eine strategische Raumordnung, die Flächen sichert, gemeinwohlorientierte Akteure stärkt, den Bestand resilient erhält und weiterentwickelt sowie flexible Wohnformen über den gesamten Lebenszyklus hinweg ermöglicht. Dafür braucht es vermehrt altersgerechte und barrierearme Wohnungen, elastische Wohnangebote und Quartiere, in denen unterschiedliche Haushalte über Generationen hinweg passende Wohnmöglichkeiten finden.
Klimaschutz und Bezahlbarkeit dürfen dabei niemals gegeneinander ausgespielt werden. Die notwendige Transformation des Gebäudebestands muss zwingend so austariert sein, dass sie sozial tragfähig bleibt. Klimaverträgliches Wohnen muss bezahlbar bleiben – und bezahlbares Wohnen muss zukunftsfähig sein.
Am Ende des Tages geht es im Sinne einer sozialen und räumlichen Mobilität um fundamentale Weichenstellungen:
- Es geht nicht allein darum, wie viele Wohnungen entstehen. Es geht darum, welche Wohnungen wo, für wen und zu welchen Bedingungen verfügbar sind.
- Es geht nicht allein um Neubau. Es geht um Bestand, Umnutzung, Nachverdichtung und die Frage, wie vorhandener Wohnraum intelligenter und elastischer genutzt werden kann.
- Es geht nicht allein um Eigentum oder Miete. Es geht um den echten, barrierefreien Zugang.
- Und schließlich geht es nicht allein um die Frage, ob Menschen irgendwo ein Dach über dem Kopf haben – sondern darum, ob sie dort ankommen, bleiben und ihr Leben flexibel verändern können, ohne aus dem Wohnungsmarkt herauszufallen.

Quellenverzeichnis
[1] Daub, N.; Enseling, A.; Hacke, U.; Lohmann, G.; Renz, I.; Schönefeld, J. (2026): Strategieanpassungen der hessischen Wohnungswirtschaft „in der Krise". Endbericht im Auftrag des Hessischen Ministeriums für Wirtschaft, Energie, Verkehr, Wohnen und ländlichen Raum. Darmstadt: IWU – Institut Wohnen und Umwelt GmbH.
Renz, I.; Weber-Kessel, I. (2026): Akzeptanz von Modernisierungsumlage und Teilwarmmietmodellen: Ergebnisse aus Experten- und Bevölkerungsbefragungen. In: Moeller, S. (Hrsg.): Mit dem Fair-Miet-Modell gegen den Sanierungsstau. Innovative Wärmeservice-Modelle auf dem Prüfstand. Kassel: Kassel University Press, S. 59–106.