Was „Umlenken“ uns über die Zukunft des öffentlichen Raums gelehrt hat

Eine rückblickende Reflexion. Leila Unland, Mai 2026

An der Ecke Kiliansplatz und Kazmairstraße im Münchner Westend passierte in den Sommern 2023 und 2024 etwas, das auf den ersten Blick unspektakulär wirkt: Statt parkender Autos stand dort eine blaue Holzplattform. Menschen saßen beieinander. Jemand flickte sein Fahrrad. Kinder spielten. Abends lief ein Film. Es war warm, und niemand musste etwas kaufen.

Autorin: Leila Unland
19. Mai 2026

Das Projekt hieß „Umlenken“ und es war das, was sein Name verspricht: eine Neuausrichtung des Blicks auf städtischen Raum und auf die Art, wie wir uns darin bewegen und begegnen. Angestossen von Architekt:innen als Beitrag zum Mobilitätskongress 2023, umgesetzt in Kooperation mit lokalen Initiativen. Die Initiative Umlenken errichtete eine blaue dreieckige Plattform, füllte eine ungenutzte Lücke. Über zwei Sommer entstand ein Aufenthaltsort und eine temporären Fahrradreparaturstation. Die Plattform wurde größtenteils aus recycelten Materialien errichtet, alte Balkongeländern einer Fassadensanierung wurden zu Turm, Bank und Zaun.

Die Initiatoren Matteo Pelagatti, Niclas Reinke, Eugen Happacher und Franziska Franken schaffen mit „Umlenken“ Sichtbarkeit: „Wir wollen damit zugleich den Diskurs für eine fahrradfreundliche und lebenswerte Stadt anregen.“

Und es war auch einiges geboten: Die Initiativen der Kreisgruppe des BUND Naturschutz München, Freiraumviertel und Bike Base organisierten Veranstaltungen und Workshops und luden die Nachbarschaft ein, auch selbst aktiv zu werden.

Luftaufname, Projekt Umlenken, Kazmaierstrasse München, 2023. Foto: M. Pelagatti u. E. Happacher

 

Ein Parkplatz wird zum Wohnzimmer der Nachbarschaft

Parkplätze gehören zu den rätselhaftesten Orten der modernen Stadt: Sie nehmen enorm viel Fläche ein, nur für den stehenden Verkehr. Statistisch steht ein privates Auto rund 23 Stunden täglich ungenutzt herum. Im dichten Stadtgefüge bedeutet das: kostbarer Grund wird für privates Gefährt reserviert.

Elisabeth Kornell vom BUND Naturschutz München hat sich bei der Programmgestaltung von Umlenken engagiert: „Die Plattform zeigt uns auf, wie wir den Platz, auf dem Autos im Schnitt 23 Stunden ungenutzt herumstehen, für alle Stadtteilbewohnenden attraktiv gestalten und nutzen können.“

„Umlenken“ machte aus dieser abstrakten Erkenntnis ein konkretes Erlebnis. Wo vorher Autos standen, entstand ein konsumfreier sozialer Ort. Keine Verzehrpflicht, kein Mindestverzehr, kein Gastronomie-Franchise. Nur Platz, für alle, gratis, (meist) ohne Agenda.

Damit unterschied sich das Projekt fundamental von anderen Formen der Parkplatzumnutzung, etwa von Parkletts, die meist als Außensitzbereich für ein Café oder Restaurant funktionieren. „Umlenken“ gehörte niemandem außer der Nachbarschaft selbst. Das ist selten, und es ist wichtig.

„Umlenken“ steht!,  Kazmaierstrasse München, 2023. Foto: M. Pelagatti u. E. Happacher

Fahrräder reparieren als politischer Akt

Was auf der Plattform angeboten wurde, klingt bescheiden: Reparaturworkshops für Fahrräder, Sitzgelegenheiten, Bepflanzung, Filmabende. Aber die gemeinsame Vision ist klar. Die Initiative arbeitete mit der BUND Naturschutz Kreisgruppe München, dem Freiraumviertel und dem studentischen TUM-Projekt Bike Base zusammen. Geschaffen wurde damit ein Ökosystem aus Engagement, Wissen und Gemeinschaft.

Wer lernt, sein Fahrrad selbst zu reparieren, ist weniger abhängig vom Auto. Wer in der Nachbarschaft auf dem Boden sitzt und mit Fremden redet, entwickelt ein anderes Verhältnis zum Stadtraum. Und wer gemeinsam über die Frage diskutiert, wie die Kreuzung dauerhaft umgestaltet werden könnte, übernimmt Verantwortung für das, was um ihn herum passiert.

Aktion von Freiraumviertel und BikeBase, 2023. Foto: M. Pelagatti 

 

Programm der Saison 2024

• Rad-Reparatur-Workshops (15–18 Uhr), fast jeden Freitag von Juni bis September

• Freikino-Abende mit Diskussion – Filme: „Why We Cycle“, „The Human Right“, „The Human Scale“

• Ausstellung des TUM-Projekts „Bike Base“ – 8 blaue Fahrradstationen entlang der Gollierstraße

• Ideenwerkstatt zur dauerhaften Umgestaltung der Kreuzung (14.9.2024)

• Umfrage zur Mobilität und Raumnutzung im Viertel

 

Öffentlicher Raum ist eine demokratische Frage

Ein bekannter Satz aus der Stadtplanung: „Wer den Raum gestaltet, gestaltet das Zusammenleben.“ Die Entscheidung, wem welche Fläche gehört, ob Autos, Fußgängern, Radfahrenden oder einfach Menschen, die sich aufhalten möchten, ist keine neutrale Verwaltungsentscheidung. Sie ist eine politische.

Der Bezirksausschuss 8 hatte 2021 bereits einen Antrag auf Umgestaltung der Kreuzung Kiliansplatz-Kazmairstraße gestellt. Das Baureferat hielt das Projekt grundsätzlich für möglich – scheiterte aber an Finanzen und Kapazitäten.

„Umlenken“ übernahm deshalb eine doppelte Aufgabe: Es schuf einen lebendigen Ort und sammelte gleichzeitig Meinungen, Ideen und Wünsche der Anwohnenden, die dem Bezirksausschuss als Grundlage für weitere Schritte dienen sollten.

„Umlenken“ integrierte Bürgerbeteiligung, wie sie sein sollte: Austausch jenseits der Verwaltungsgebäude, sondern als gelebte Praxis im eigenen Viertel, auf Augenhöhe.

 

Programmflyer mit Umfrage zur Mobilität und zur dauerhaften Umgestaltung des Platzes. Initiative Umlenken, 2024.

 

Warum solche Projekte „scheitern“ und was wir daraus lernen müssen

„Umlenken“ hat sich nicht verstetigt. Nach zwei Sommern ist die Plattform verschwunden. Das ist schade, aber es ist zu erkennen, dass das Scheitern keine Zufallssache war. Es verweist auf strukturelle Widersprüche, die weit über dieses eine Projekt hinausgehen.

Eine der Architektinnen, die „Umlenken“ geplant und umgesetzt hat, bringt es auf den Punkt: Genauso viel Energie wie in Entwurf und Gestaltung hätte von Beginn an auch in die Einbindung der Anwohnerinnen gesteckt werden müssen, damit mehr Lust und Verständnis entsteht, den neuen Ort selbst zu übernehmen. Für Selbstorganisation hat unser Alltag oft wenig Raum. „Die Stadtbewohner:innen sehen nicht, wie sie selbst Stadt gestalten können. Lust am Ausprobieren und Testen ist nicht vorprogrammiert.“

Das ist ein unbequemer Befund – und ein wichtiger. Denn er zeigt: Ein gelungenes Design allein reicht nicht. Öffentliche Räume entstehen nicht dadurch, dass man eine schöne Plattform hinstellt. Sie entstehen, wenn Menschen das Gefühl haben, dass dieser Ort ihnen gehört und dass sie das Recht und die Fähigkeit haben, ihn mitzuformen.

Dafür fehlt vielerorts beides: das Wissen, wie man sich in städtische Prozesse einbringen kann, und die strukturellen Bedingungen, die es attraktiv machen, sich ohne Entlohnung für Gemeinschaft einzusetzen. „Strukturell müsste es attraktiver werden, sich ohne Geld zu verdienen für Dinge einzusetzen“, sagt die Architektin. „Das sind wir nicht gewohnt, und dafür haben wir keine Energie.“

Am Tag als der abschließende Beteiligungsworkshop stattfand, regnete es. Die Leute blieben weg. Bezeichnend. Bürgerbeteiligung muss wetterfest sein, im wörtlichen wie im übertragenen Sinne. Sie darf nicht auf einem einzigen Termin, einem einzigen Ort, einem einzigen Format beruhen.

„Umlenken“ zeigt was möglich wäre, und wo Lücken räumlich wie organisatorisch weiterhin zu bearbeiten sind: Partizipation ist kein Bonus, der am Ende eines Gestaltungsprozesses drangehängt wird. Sie muss von Anfang an mitgedacht, mitfinanziert und mitgelebt werden, mit so viel Sorgfalt wie die Architektur selbst. Und sie braucht Schritt-für-Schritt-Anleitungen, wie Selbstgestaltung funktioniert, auf breiteren Beinen, mit mehr Unterstützung.

Straßenkonzert,  Kazmaierstrasse München, 2023. Foto: M. Pelagatti u. E. Happacher

 

Was Städte jetzt brauchen

Die Mobilitätswende ist keine technische Aufgabe. Sie ist eine kulturelle. Es geht nicht nur darum, Elektroautos einzuführen oder Radstreifen zu markieren. Es geht darum, wie wir Stadt denken: als Raum, der zuerst Menschen gehört, nicht Fahrzeugen.

Dafür braucht es Projekte wie „Umlenken“. Nicht als nette Ausnahme, sondern als Blaupause, aber eine, die auch das Community-Building als Kernaufgabe begreift. Die zeigt, was möglich ist. Die Raum schafft für Erfahrungen, die das Gewöhnte in Frage stellen. Und die Menschen nicht nur einlädt, sondern begleitet: beim Ausprobieren, beim Scheitern, beim Weitermachen.

Die wichtigste Frage ist deshalb nicht: Warum hat „Umlenken“ aufgehört? Sondern: Wie sieht die nächste Plattform aus – eine, bei der die Nachbarschaft von Anfang an mit baut?

Temporäre Freiraumarchitektur „Umlenken“. Initiative Umlenken, 2023