Deutsche Akademie für Städtebau und Landesplanung
Presseerklärung Deutscher Städtebaupreis 2006
vom 18.11.2006
Preisverleihung am 16. November 2006 in der Akademie der Künste zu Berlin Städtebaupreis 2006 geht an das Projekt Scharnhauser Park ein neuer Stadtteil für Ostfildern in Baden Württemberg. Mit dem Städtebaupreis werden städtebauliche Projekte prämiert, die sich durch nachhaltige und innovative Beiträge zur Stadtbaukultur sowie zur räumlichen Entwicklung im städtischen und ländlichen Kontext auszeichnen.
Neben dem „klassischen“ Städtebaupreis wird ein Sonderpreis ausgelobt, der vor allem dem „Aufspüren“ neuer städtebaulicher und stadtplanerischer Handlungsfelder, Strategien und Verfahrenswege dient.
Der Preis wird von der Deutschen Akademie für Städtebau und Landesplanung ausgelobt. Er wird gefördert von der Wüstenrot Stiftung Ludwigsburg. Schirmherr ist Christian Ude, Präsident des Deutschen Städtetages.
Die ausgezeichneten Arbeiten haben sich in unterschiedlicher Weise und auf unterschiedlichen Praxisfeldern dieser Aufgabe gestellt. Die Spannweite reicht von der Bewahrung der historischen Altstädte unter Beachtung zukünftiger Nutzungen bis hin zu strategischen Ansätzen für die Weiterentwicklung der Städte entsprechend dem Leitbild der „Europäischen Stadt“.
Der Deutsche Städtebaupreis 2006 geht an die Planung und Gestaltung des neuen Stadtteils Scharnhauser Park in Ostfildern. Preisträger sind die Stadt Ostfildern, vertreten durch Baubürgermeister Jürgen Fahrländer und Planungsamtsleiter Karl Joseph Jansen, sowie das Büro Janson + Wolfrum, Architektur und Stadtplanung, Stuttgart, mit den Autoren Alban Janson und Sophie Wolfrum.
In dem Projekt ist es gelungen, Landschaft und moderne Architektur in hervorragender Weise zu verbinden, so dass hier ein Stadtteil entstanden ist, der sofort Identitäten der Bürgerinnen und Bürger, der Alten und der Jungen auch in einer neuen Umgebung erwarten lässt.
Eine Auszeichnung erhält die Stadt Ulm für das Projekt Neu Mitte, den gewagten, in Bürgerschaft und Fachwelt positiv aufgenommenen Versuch, historische Teile der Innenstadt, die nach Kriegsende durch eine Verkehrsachse getrennt waren, mittels anspruchsvoller Gebäude und Plätze bis hin zu einer vorbildlichen unterirdischen Parkgarage wieder zu vernetzen.
Eine weitere Auszeichnung geht an die Messestadt München-Riem, die durch ein schlüssiges Gesamtkonzept, durch eine wundervolle Folge von Plätzen und durch eine moderierende Projektbegleitung den Ansprüchen an eine nachhaltige und auch für die Bürger erkennbare zukunftsweisende Konzeption gerecht wird.
In der Hansestadt Wismar ist es in überzeugender Weise gelungen, die Kräfte der Bürgerschaft zu bündeln und in besonders sensiblen Bereichen das geeignete Maß von Erhalt und Weiterentwicklung im Kontext der historischen Stadt zu finden. Dafür erhält die Stadt eine Auszeichnung.
Der Sonderpreis wird zu gleichen Teilen an scheinbar diametrale Konzepte zur Zukunft der Europäischen Stadt vergeben:
Die von Thomas Sieverts entwickelten Gedanken zur „Zwischenstadt“, zum Raum zwischen den traditionellen „Stühlen“ von Stadt und Landschaft, zu einer Heimat neuen Typus, wurden von Wolfgang Christ und Lars Bölling, Bauhausuniversität Weimar, im Raum Frankfurt am Main in einer sehr komplexen Studie auf ihre Tragfähigkeit untersucht.
Das Planwerk Innenstadt Berlin ist das wohl größte Modellvorhaben am „offenen Herzen“ der Stadt, und bewegt die Gemüter weltweit. Senatsbaudirektor Dr. Stimmann und sein Team erhalten den Sonderpreis für die Grundkonzeption und die ersten Schritte zur Wiedergewinnung städtischer Strukturen unter Beachtung gänzlich veränderter Rahmenbedingungen. Das Planwerk versucht darüber hinaus, durch einen intelligenten Städtebau die Ökonomie der Stadt zu verbessern, z. B. nicht benötigte Verkehrsflächen zu Bauflächen zu machen.
Auszeichnungen in der Kategorie Sonderpreis gehen an die Grünmetropole, ein länderübergreifendes Entwicklungskonzept im Grenzraum Belgien, Niederlande, Deutschland, und an die Stadt Leipzig. „Bürger bauen ihre Stadt“ wird dort ernst genommen: Bürgerbeteiligung, Eigentümerverantwortung, Investoreninteressen, Architekten- und Planergedanken werden aktiviert und dem Erosionsprozess einzelner Stadtquartiere eine „Halt“ entgegengestellt.
Die 8 ausgezeichneten Arbeiten sind die Spitze eines Eisberges, der auf insgesamt 92 eingereichten Projekten basiert. Mit der Qualität der Arbeiten und dem Umfang der Beteiligung hat sich der Deutsche Städtebaupreis als wichtigster Preis auf dem von der Bevölkerung am stärksten wahrgenommenen Feld der Auseinandersetzung mit Planen un Bauen, mit der Gegenwart und Zukunft ihrer Städte erwiesen.
Die Arbeiten der Preisträger sind in einer Ausstellung (10 Tafeln) zusammengefasst, die bei der Geschäftsstelle der DASL ausgeliehen werden kann.
Aus Anlass der Preisverleihung fand ein Symposium zum Thema: „Speckgürtel und Armutsinseln – zum Aufgabenwandel der Stadtplanung“ statt, auf dem namhafte Kommunalpolitiker, Planer und Journalisten zu Wort kamen.
Die Veranstaltung wurde umrahmt durch Liedern zur Stadt des 20. Jahrhunderts von Hanns Eisler und Kurt Weill auf Texte von Bertolt Brecht, dargeboten von Barbara Ewald und dem Trio AMSELFON.
Kontakt:
Deutsche Akademie für Städtebau und Landesplanung - Geschäftstelle
Stresemannstraße 90, 10963 Berlin,
Tel.: 030.2308 2231; Fax: 030.2308 2232
info@dasl.de
www.deutscherstaedtebaupreis.de
www.dasl.de
EßLINGER ZEITUNG
Verdienter Lohn
vom 18.11.2006
Von Harald Flößer
Fast 164 Millionen Euro öffentliche Gelder ausgeben für einen neuen Stadtteil? Betrachtet man die nackte Zahl, mutet es an wie Gigantomanie, was sich das kleine Ostfildern mit dem Scharnhauser Park aufgelastet hat. 14 Jahre nachdem die aus vier Filderndörfern zusammengewürfelte Stadt aufgebrochen ist, um sich eine neue Mitte zu schaffen, müssen selbst die größten Kritiker anerkennen: Das Risiko hat sich gelohnt. Dass dies nun auch mit dem renommierten Deutschen Städtebaupreis bestätigt wird, mag für die mutigen Entscheider im Nachhinein Balsam sein.
Der Scharnhauser Park ist eine einzigartige Erfolgsgeschichte. Das Konzept, dass sich der neue Stadtteil aus dem Verkauf der Grundstücke selbst finanziert, ist bisher voll aufgegangen. Und es sieht nicht danach aus, als ob die Stadt noch auf der Zielgeraden straucheln würde.
Wichtig für den Erfolg des Siedlungsprojekts waren der Stadtbahnanschluss und die Landesgartenschau 2002. Eine bessere Werbung als das von fast einer Million Gästen besuchte Spektakel hätte man für den Scharnhauser Park gar nicht bekommen können. Dass unterm Strich ein Verlust von 3,5 Millionen Euro stand, ist ärgerlich, weil dafür zum Teil auch unprofessionelles Management verantwortlich war. Doch stehen dem weit höhere Verkaufserlöse entgegen.
Den Fehler, eine billige und zugleich hässliche Trabantenstadt zu bauen, die einzig dazu dient, ein paar tausend Menschen Schlafplätze zu bieten, hat man in Ostfildern zum Glück nicht gemacht. Extravagante Bauwerke wie das Stadthaus oder das Haus für Kinder kosteten viel Steuergeld, aber sie gaben der neuen Siedlung eine unverwechselbare Handschrift. Was die Baudichte angeht, haben die Kritiker Recht: Mehr Luft zwischen den Gebäuden hätte Quartieren wie der Reihenhaussiedlung gut getan. Umso lobenswerter ist, dass man bei der Umsetzung der grünen Elemente keine Kompromisse eingegangen ist. Vor allem die Landschaftstreppe als Sichtachse zur Schwäbischen Alb ist eine geniale Idee.